Liliom

Keine Irritationen

Daniel Prohaska (Liliom) Foto: Thomas Dashuber

Uraufführung der Oper „Liliom“ von Johanna Doderer und Josef E. Köpplinger am Münchner Gärtnerplatztheater
Von Laszlo Molnar
(München, 4. November 2016) Vielleicht hätte Franz Molnár es Giacomo Puccini doch gestatten sollen, sein bekanntestes Theaterstück "Liliom" als Oper zu vertonen. Hatte Puccini doch bewiesen, dass er alle Formen des Musiktheaters beherrscht, von der Intimität der „Bohème“ über die Exotik der „Madama Butterfly“ zum Bombast der „Tourandot“. Dazu hatte er mit dem „Trittico“ drei Kammerstücke komponiert, die das Große im Kleinen zu transportieren wissen. Auch für Lilion hätte er gewiss die rechte kompositorische Form gefunden. Johanna Doderer hatte die große Oper im Sinn. Auf der Bühne ein Rummelplatz-Strizzi in einer Bretterbude, das Orchester in Wagner- und Straussstärke; das passt nur schwer zusammen.
„Liliom“, Molnárs augenzwinkernd sozialkritisches Theaterstück aus dem Budapester Rummelplatz-Milieu zur Oper zu machen, war also keine ganz fern liegende Idee. Zumal es als Musical „Carousel“ von Rodgers und Hammerstein einen ähnlichen Riesenerfolg hatte wie als Theaterstück in der Wiener Fassung von Alfred Polgar. Und so mag man es Gärtnerplatz-Chef Josef E. Köpplinger nicht verdenken, aus dem Theaterstück ein Libretto gemacht und es als Auftragswerk des Theaters zur Komposition angeboten zu haben. Liliom ist ein leichtlebiger Kleingauner, der auf dem Rummelplatz als Rufer beim Karussell von Frau Muskat arbeitet. Dort begegnet er Julie. Beide verlieben sich und heiraten bald. Aber Liliom kann sein Naturell nicht untredrücken. Obwohl er Julie liebt, schlägt er sie. Um der Geldsorgen Herr zu werden, will er mit seinem Kumpel Ficsur den Geldboten einer Fabrik berauben. Der Anschlag geht schief, Liliom nimmt sich selbst das Leben und kommt vor ein himmlisches Gericht, zeigt aber keine Reue. Nach 16 Jahren Fegefeuer darf er für einen Tag auf die Erde, um dort seine Tochter zu sehen. Statt ihr etwas Gutes zu tun, schlägt er auch sie. Das himmlische Gericht verurteilt ihn zu ewiger Verdammnis.
In der in Wien lebenden Komponistin Johanna Doderer hat er eine geeignete Partnerin für das Vorhaben gesehen. Zumal die Komponistin bei einem Neue-Musik-Kaliber wie Beat Furrer studierte. Aber ein auf seine Weise so subtiles, zerbrechliches Stück wie den „Liliom“ derart mit Klang zuzuwuchten, jeden der Sängerinnen und Sänger zu Dauer-Forte zu verdonnern, das entspricht gar nicht der Haltung, welche die Vertreter der gewissermaßen „dritten“ Wiener Schule, etwa Furrer, Olga Neuwirth oder Georg Friedrich Haas, der Musik gegenüber einnehmen.
Köpplinger wollte wohl sicher gehen, dass das Publikum nicht durch Neutönerei verschreckt wird. Die Rechnung ist aufgegangen. Alle saßen die zweieinviertel Stunden Musik und Handlung ohne Murren durch und bedachten die gesamte Produktion und ihr Team mit großem Applaus. Doderer versorgt ihre Zuhörer über die gesamte Spieldauer des Werks mit sattem Orchestersound, der auch im Piano nicht an Größe verliert. Immer wieder durchsetzen ruppige Walzertakte, wie es sich gehört für den Rummelplatz, den Musikfluss, mal klingt es nach Musical, zum Ende hin sogar nach Filmmusik. Das Orchester unter Michael Brandstätter leistete tadellose Arbeit. Leider hat die Komposition diese Ohren hier nie überzeugt, schon gar nicht bezwungen. Welch ungleich bessere Hand hatte Köpplinger bewiesen, als er „Onkel Präsident“ aus der Feder des österreichischen Altmeisters Friedrich Cerha im Prinzregententheater präsentierte. Dieser schon betagte Herr legte in seiner Musik eine Leichtigkeit, einen Witz und eine Eleganz an den Tag, die Doderers „Liliom“ weit und breit fehlt. Geeignet als Orientierung auf der Suche nach einer gelungenen Kammeroper über einen populären Stoff ist auch Charles Wourinens „Brokeback Mountain“; trotz des absolut dramatischen Hintergrundes verliert das Stück nie das Maß für das Notwendige.
In dieser Hinsicht ist „Liliom“ einfach zu lang. Immer wieder werden dieselben Textpassagen wiederholt. Etliches für das Musiktheater überflüssige Detail wurde vertont und ausinszeniert, ohne dem Ganzen einen Gewinn zu bringen. Noch einmal drüber gehen und eine halbe Stunde herauskürzen, das täte Köpplinger-Doderers „Liliom“ richtig gut.
Unter der Dauerbelastung des immer-laut-singen-Müssens hielten sich die Solistinnen und Solisten der „Liliom“ Uraufführung sehr wacker. Bei der Zusammenstellung des Teams hatte Köpplinger das richtige Händchen; die Solisten singen souverän und geben ihren Rollen glaubwürdige Statur. Der Bariton Daniel Prohaska ist ein ruppiger, zugleich sensibler Liliom. Seine Stimme ermüdete nur ein bisschen zum Ende hin, gefiel ansonsten durchweg durch samtiges Timbre und sicher gesetzte Höhen. Ebenso souverän agiert Camille Schnoor als seine geplagte Gattin Julie (Sopran) mit schier unermüdlicher Energie. Perfekt in das Team passte auch ein hier etwas unerwarteter Gast-Star, nämlich Angelika Kirchschlager als Ringelspiel-Betreiberin Frau Muskat. Mit ihrem gereiften, überzeugend hochdramatischen Mezzo hält sie den heftigsten Orchesterwogen stimmstark stand und geht voll auf in ihrer Rolle der Demi-Mondänen vom Prater. Eine Rolle, die ihr von Johanna Doderer auf den Leib geschrieben wurde – die beiden Künstlerinnen schätzen sich gegenseitig sehr.
Nein, über Mangel an gesanglichem Format kann man sich bei „Liliom“ nicht beklagen. Cornelia Zink als Marie, Dagmar Hellberg als Frau Hollunder, Matija Meic als Lilioms zwielichtiger Kumpel Ficsur oder Erwin Windegger als bürokratischer Polizeikonzipist des Himmels, sie alle sind mit kraftvollen Stimme, prägnanter Diktion und immer überzeugender Gestaltung der Rollen bei der Sache.
Die Bühne von Rainer Sinell und die Kostüme von Alfred Mayerhofer belassen die Szenerie in der Entstehungszeit der Stücks, um den Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch Josef E. Köpplingers Regie richtet sich ganz auf den Verlauf der Handlung und auf klare Konturen der Personen. Keine Irritationen, sauberes Theater.



Münchner Philharmoniker


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.