Lief Ove Andsnes

Zentralgestirn Schubert

Von den Bergen ins Mozarteum: Leif Ove Andsnes Foto: EMI

Leif Ove Andsnes beschließt mit einem phantastischen Klavierabend im Mozarteum die „Schubert-Szenen“ bei den Salzburger Festspielen
(Salzburg, 7. August 2008) Wenn nach Arnold Schönbergs erstem seiner sechs kleinen Klavierstücke aus dem Jahr 1911 Schuberts Allegretto c-Moll ((D 900) erklingt, ist man zunächst schon etwas irritiert und überlegt kurz: Geht denn so was? Darf man das? Doch die Verunsicherung währt nur kurz. Denn in dieser hoch spannenden kontrastierenden Abfolge von je einem Schönberg-Stück und einer kurzen Schubert-Komposition (außerdem das Allegretto in C-Dur (D 346) und das fragmentarische Andantino in C-Dur (D 348)) entsteht im Hörer eine völlig neue Sichtweise auf diese Werke, die offenbart, wie sehr doch der Neutöner Schönberg noch immer dem romantischen Gestus verhaftet ist und wie weit Schuberts Musiksprache mit all ihren unerwarteten Brüchen und Abbrüchen ins 20. Jahrhundert weist. Leif Ove Andsnes verdeutlichte das mit einem  wunderbar sprechenden Schubert-Ton und ließ in den Schönberg-Stücken den aphoristischen Romantizismus en miniature aufblühen.
Als ein Suchender aus dem Geist der Romantik erweist sich auch Leos Janacek in seinen vier Klavierstücken, die er 1912 komponiert und unter dem Titel „Nebel“ zusammengefasst hat. Pianistisch überaus anspruchsvolle Stücke sind das, eine Folge assoziativer musikalischer Gedanken mit plötzlichen Stimmungswechseln. Romantisch sanglich das eröffnende Andante, experimentell in seiner Zerrissenheit das Schluß-Presto. Andsnes widmete sich den überaus reizvollen, nur selten im Konzert zu hörenden Werken mit virtuosem Zugriff und atmosphärischer Dichte.
Nach der Pause wurde der Klavierabend für ein Streicherstück von Wolfgang Rihm unterbrochen: „Erscheinung. Skizze über Schubert“ für neun Streicher und Klavier ad libitum aus dem Jahr 1978. Nur ganz am Ende spielt das Klavier einen kurzen versonnenen Epilog. Rihm verwendet in seiner Skizze Bruchstücke aus Schuberts G-Dur-Quartett, dem Streichquintett und der Wandererfantasie und setzt sie in einen neuen Kontext aus mal aufbegehrenden, mal suchenden al-fresco-Gesten – vom österreichischen Ensemble für Neue Musik mit Sorgfalt und Engagement gespielt.
Das letzte Wort dieses Konzerts und damit auch des gesamten Zyklus‘ „Schubert-Szenen“ – in ihm hat der Programmgestalter Markus Hinterhäuser ein kluges, sinnliches und weitreichende Bezüge eröffnendes Konzept entwickelt – hatte selbstverständlich Schubert: In seiner späten c-Moll-Sonate (D 958) entfaltete Andsnes einen ebenso spannungsvollen wie vielgestaltigen Kosmos Schubertscher Ausdruckstiefe bis hin zum abgründigen, hexentanzähnlichen Schlussallegro – so virtuos und gleichzeitig empfindungsreich, so diszipliniert-exakt und innig-intensiv wie Andsnes das spielte, bekommt man das Werk gewiss nicht oft zu hören. Verdienter großer Jubel im Mozarteum und jede Menge Zugaben.
Robert Jungwirth


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