Begeisternder Liederabend von Anja Harteros

Auf der Stuhlkante

Anja Harteros singt Lieder von Schubert, Schumann, Brahms und Wolf mit Wolfram Rieger am Klavier in Köln

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 25. Februar 2019) Der Dirigent Christian Thielemann rühmte an der Sopranistin Anja Harteros einmal die „unglaubliche Natürlichkeit“ ihres Singens, das Fehlen jedweder Exaltation, als trüge sie einen „Geschmacksfilter“ in sich. In summa: rarer Glücksfall einer Sängerin.

Man kennt Anja Harteros vor allem als Bühnensängerin, und das bevorzugt im italienischen Fach. An ihrem Stammhaus, der Bayerischen Staatsoper, sind ihre künftigen Auftritte weiterhin ganz in diese Richtung hin disponiert. Die Künstlerin, nota bene in Köln ausgebildet, war zu Beginn ihrer Karriere einige Jahre auch im nahen Bonn engagiert (eine filmisch inszenierte „Cosi fan tutte“ haftet im Gedächtnis). Weiterhin gilt sie als ideale Interpretin der Partien von Richard Strauss (in München zuletzt Arabella) oder auch seiner „Vier letzten Lieder“. So bedauerte man es ein wenig, daß ihr romantisches Programm in der Philharmonie keine von seinen Kompositionen enthielt.

Das Glück kam dann aber doch noch in Form zweier Zugaben. Bereits die emphatische „Zueignung“ ließ einen als Zuhörer auf die Stuhlkante rücken. Das gefühlszarte „Morgen“ geriet dann aber zu einer veritablen Offenbarung, die schier fassungslos machte. Anja Harteros schien die Melodiebögen des Liedes förmlich in die Luft zu hauchen; die Klarheit ihres Soprans mischte sich mit einer dezenten Erotik des Timbres, was
nicht zuletzt das „Stumm werden wir uns in die Augenschauen“ zu einem Moment subtiler Magie veredelte.

Solch musikalischer Entrückung arbeitete freilich auch der Klavierbegleiter Wolfram Rieger zu (vor einem Jahrzehnt entstand mit beiden Künstlern die Lied-CD „Von ewiger Liebe“). Rieger holte aus seinem Instrument Pianoklänge hervor, die in ihrer feinnervigen Differenzierung ebenfalls regelrecht atemverschlagend waren. Schöner als an diesem Kölner Abend wird das „Morgen“ wohl nicht noch einmal zu hören sein.

Bei den Gesängen von Schubert, Schumann, Brahms und Wolf wurden alle diese Qualitäten von Anja Harteros und Wolfram Rieger bereits erlebbar. Die Sopranistin wußte zwischen raunenden Pianissimi und blühendem Forte stimmig zu vermitteln, ihre Phrasierungen waren ein einziger Genuss; der Pianist trug sie auf sanften Händen. Schön, dass so viel betörender Sinnenzauber hier und da von Koketterie (Schumanns „Hidalgo“) oder auch leicht drastischem Humor (Wolfs „Storchenbotschaft“) zäsiert wurde, wobei sich die Sängerin beim letztgenannten Lied auch einige passende Gesten erlaubte.

Eine Heiterkeit anderer Art zu Beginn: Anja Harteros verirrte sich bei Beethovens „An die Hoffnung“ im Text und mußte neu beginnen. Aber auch dieser Moment profitierte von ihrem Charme.

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