Liederabend mit Maskenspielern

Kein Sehnsuchtsort

Franui, Florian Bösch und die Puppenspieler Fölz mit ihrer Produktion „Himmelerde“ an der Berliner Staatsoper

Von Bernd Feuchtner

(Berlin, 17. Januar 2019) „Wir sehnen uns nachhause und wissen nicht wohin“, dichtete Joseph von Eichendorff, der Urromantiker, und danach handeln auch die Musiker von Franui. Schön ist sie ja, die Legende von ihrem Ursprung in dem osttiroler Dorf Innervillgraten, doch der musikalische Leiter dieser eigenwilligen „Musicbanda“, Andreas Schlett betont selbst: „Wir brauchen Innervillgraten überhaupt nicht, wir brauchen nur ab und zu einen Quadratmeter, um uns abzustoßen“. Und das kann auch mal ein Quadratmeter Musik sein. Etwa ein Fragment von Franz Schubert aus „Der Tod und das Mädchen“, das der Bariton Florian Boesch so drohend intoniert, dass man die ganze Spannweite dieser Musik zwischen Mozarts Komtur und Wagners Wotan zu ahnen beginnt.

Es war ein etwas anderer Liederabend, den Franui zusammen mit den Maskenspielern der Familie Fölz in der Lindenoper zur Uraufführung brachte. Während des Einlasses irrlichterte ein älteres Ehepaar durch die erste Parkettreihe auf der Suche nach dem richtig Platz, und auf der Bühne stand der Wagen eines Putzmannes, der immer noch Flecken zu finden schien, die man wegwienern musste – die meisten Lieder dieses Abends stammten ja tatsächlich aus Wien, und die Darsteller waren sich für keinen Kalauer zu schade. Die Musiker ließen sich Zeit mit dem Einzug in den Orchestergraben, den maskenbewehrten Dirigenten aber schickten sie nachhause. Und dann ging es ganz schnell und man war mittendrin im mitternächtlichen Dunkel romantischer Lieder.

„Sternklar war die Nacht“, sang Boesch mit Robert Schumann, und im Hintergrund leuchtete die Projektion des Sternenhimmels auf. Ein Mann im Rollstuhl wurde über die Bühne geschoben. Und aus dem Graben erklang auf einmal das Gedudel von Mahlers „Fischpredigt“, als deren Mittelteil dann allerdings „Wer hat dies Liedlein erdacht“ erklang. Der Umgang der Franuis mit ihrem Material ist kreativ, sie lassen nichts unangetastet. Wo Mahler das Volkstümliche in die Kunstmusik einließ, wirft Franui ein Jahrhundert später die Kunst wieder in den Volkston. Jede Liederabend-Feierlichkeit ist abgeschafft, dafür bereiten sie ihrem Publikum einen herrlich melancholischen Abend voller Liedperlen. Hackbrett, Klarinette und Tuba geben ihnen einen wunderbar volkstümlichen Klang. Manchmal haut einer auf die große Trommel und lässt das Becken zischen, auch das Akkordeon findet hier seinen Platz.

Anna Prohaska, gerade noch Protagonistin in Beat Furrers Endspiel „Violetter Schnee“, steht schon wieder auf der Bühne und teilt sich mit Boesch die Lieder auf. Es war ihre Anregung, auch die Webern-Lieder „Nächtliche Scheu“ und „Helle Nach“ nach Dehmel und „So ich traurig bin“ nach George mit aufzunehmen. Schumanns Eichendorff-Lied „Zwielicht“ interpretiert sie als Diseuse an der Bar – und die Verfremdung schenkt dem altbekannten Lied eine neue Aufmerksamkeit. Auch Gildas verhängnisvolles Schwärmen von dem hübschen „Studenten“ aus „Rigoletto“ singt sie uns vor, während ein Clown Seifenblasen wehen lässt – um am Ende mit Geschepper in den Orchestergraben zu stürzen.

Am Ende geht die Putzfrau, nicht ohne rasch noch den Plastikbeutel mit dem Müll mitzunehmen, mit einer Frau in Weiß (ihre Tochter?) nachhause in ein Berliner Neubaugebiet, wo sie einen einsamen Geburtstag feiern. Dann bläst sie die Kerzen auf dem Kuchen aus – und der wundersam-traurige Abend ist vorbei.

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