Lied von der Erde Ballett

Mahler light

Foto: Kiran West

John Neumeiers neues Ballett „Das Lied von der Erde“ bleibt in Hamburg hinter den Erwartungen zurück

Von Christian Gohlke
(Hamburg, 4. Dezember 2016) Vor über fünfzig Jahren wurde in Stuttgart Kenneth MacMillans Ballett „Das Lied von der Erde“ uraufgeführt. Damit begann John Neumeiers produktive Auseinandersetzung mit der Musik von Gustav Mahler, aus der im Laufe einer langen und fruchtbaren Karriere fünfzehn Ballette hervorgegangen sind. Mit der Premiere seiner jüngsten Choreographie rundet sich nun der Kreis: Neumeiers Beschäftigung mit Mahler führt ihn als Choreograph dorthin zurück, wo sie als Tänzer begann, zum „Lied von der Erde“. Kreiert wurde das Stück 2015 als Auftragsarbeit für das Ballett der Opéra de Paris. Am Sonntag war es, weiterentwickelt und verändert, zum ersten Mal in Hamburg zu sehen.
Wer als Choreograph zu einer solchen Musik greift, wagt viel. Im „Lied von der Erde“, das Mahler nach dem Tod seiner Tochter und nach der Diagnose seiner Herzkrankheit in einer tiefen Lebenskrise schrieb, treffen unterschiedlichste Stimmungen und Befindlichkeiten mitunter hart aufeinander. In den chinesichen Gedichten, die Mahler in den sechs Sätzen der Sinfonie vertont hat, steht die Feier des Lebens und der Schönheit tiefem Abschiedsschmerz und dunkler Melancholie gegenüber.
Dieser enormen Gefühlsspanne wird der Hamburger Abend nicht gerecht. Er bleibt zu einförmig auf eine mittlere Stimmung reduziert – musikalisch wie choreographisch. Zwar spielte das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Simon Hewett differenziert und klangschön. Eine letzte Intensität wollte sich indes nicht einstellen. Das lag nicht zuletzt an den beiden Solisten. Klaus Florian Vogts heller, gleichsam weißer Tenor wirkte in dieser Partie zu leidenschaftslos. Dass diese Lieder auch der Ausdruck eines glühenden Gefühls sind, war bei ihm so wenig spürbar wie beim Bariton Michael Kupfer-Radecky, dessen Vortrag zu pauschal im Ausdruck anmutete.
Neumeiers Choreographie blieb ihrerseits merkwürdig gleichförmig. Drei Figuren stehen im Zentrum des Balletts. Alle drei erscheinen bereits im Prolog, den Neumeier den sechs Liedern vorangestellt hat. Motive aus dem „Abschied“ werden am Klavier intoniert; der Anfang weist bereits aufs Ende voraus. Die Bühne, vom Choreographen selbst entworfen, bleibt fast leer. Eine schräg gestellte quadratische Rasenfläche mag symbolisch für die Erde stehen. Über ihr leuchtet im Hintergrund eine kreisrunde Fläche, die im Lauf  des Abends Form und Farbe mehrmals ändert und stimmungsvolles Licht über die Szene gießt.
Alexandr Trusch, Karen Azatyan und Hélène Bouchet begegnen einander in diesem atmosphärisch dichten, durchaus vielversprechenden Vorspiel und während des ganzen Abends. Doch es bleibt unklar, wie diese drei Menschen zueinander stehen. Ist Azatyan, der sich oft synchron zu Trusch bewegt, dessen Alter Ego? Ist Bochet, weiß gewandet, ein Engel? Oder eine Liebhaberin? Wessen Liebhaberin? Im Programmbuch ist zu erfahren, dass sich diese Figur „nicht eindeutig festlegen“ lasse. Sie „könnte die Tochter von Mahler sein, die er zu Grabe tragen musste“; sie „könnte aber auch Neumeiers eigene Mutter“ verkörpern.
Da im „Lied von der Erde“ keine Geschichte erzählt wird und die Figuren vieldeutig unscharf bleiben, ist die Stimmung, die Atmospähre, die der Tanz vermittelt, umso bedeutsamer. Freude und Lebenslust müssten ebenso anschaulich werden wie Melancholie und Abschiedsschmerz. Hier bleibt John Neumeier dem „Lied von der Erde“ etwas schuldig. Die Choreographie schwächt die heftige Amplitude der in der Musik ausgedrückten Empfindungen zu einem wohltemperiert mittleren Wert ab. Am besten gelingen die Ensembleszenen, die so etwas wie jugendlichen Übermut und Lebenslust ausdrücken. Aber für die abgründige Trauer des zweiten Liedes zum Beispiel („Der Einsame im Herbst“) oder auch für den „Abschied“ findet die Choreographie keine rechte Entsprechung.
Was Neumeier zeigt, ist schön anzusehen und  tänzerisch auf höchstem Niveau. Vor allem Alexandr Trusch beeindruckt mit einer exquisiten Technik und  wunderbar leichter Eleganz. Das Ensemble tanzt mit Herzblut. Die Ausstattung ist geschmackvoll. Die Kostüme schlicht und trefflich aufeinander abgestimmt, die Beleuchtung stimmungsvoll und klug gewählt. Man besucht einen gut gemachten, exzellent getanzten Abend. Das ist viel. Und doch zu wenig. Denn ein Ballett, das Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ zur Vorlage nimmt, müsste die Grenzen des tänzersich Darstellbaren ausloten, müsste erschüttern, beglücken, schmerzen. John Neumeiers „Lied von der Erde“ jedoch ist allzu widerstandslos konsumierbar.


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