Les Fetes Vénitiennes

Erotisierte Schafe und bärtige Damen

Foto: Opéra Toulouse

Venezianischer Karneval auf französisch: William Christie dirigiert „Les Fetes Vénitiennes" von André Campra an der Oper Toulouse in einer Inszenierung von Robert Carsen
Von Thomas Migge
(Toulouse, März 2016) André Campras Oper „Les Fetes Vénitiennes", 1710 im Pariser Theatre du Palais Royal uraufgeführt, war ein Riesenerfolg. Das Theatre du Capitole in Toulouse hat jetzt dieses Werk in einer Neuinszenierung, pünktlich zum städtischen Karneval, auf die Bühne gebracht. Eine Neuinszenierung, die witziger und ideenreicher nicht sein konnte.
Diese Opèra Ballet unter der musikalischen Leitung von William Christie, mit seinem Ensemble Les Arts Florissants, und mit einer wieder einmal gelungenen Regie von Multitalent Robert Carson, knüpft an die Tradition des Theatre du Capitol an, regelmäßig Opern des französischen 18. Jahrhunderts mit Stars vom Fach auf die Bühne zu bringen. Für die zahlreichen Ballettelemente dieser Oper führte das Scapino Ballett Rotterdam Ed Wubbe Choreographie.
Der traditionelle venezianische Karneval war in ganz Europa berühmt. Auch in Frankreich, wo er als eine erregende Kombination aus Lebenslust und Intrigen bekannt war. Regisseur Carsen begann den Abend mit heutigen Touristen, die rund um die Piazza San Marco bummeln. Durch einen heiteren Kostümwechsel werden diese Touristen ins 18. Jahrhundert zurück versetzt. Am Ende der Oper kehrt die Inszenierung wieder ins Heute zurück: Die Touristen verlassen den Markusplatz, zurück bleiben Plastikflaschen und andere Rückstände zeitgenössischen Karnevalstreibens.
Wubbes Choreographie, mit extravaganten bärtigen Damen und frivolen Kostümen, war eine fließende und hinreißende Mischung aus Moderne und Barock. Carson lieferte dazu auch recht neckische erotische Anspielungen, so Beispiel wenn am Ende der Oper als Schafe verkleidete Tänzer in einen dauererotischen Zustand verfallen.
Die Opéra-Ballet war eine typisch französische höfische Unterhaltungsform, die Tanz und Gesang mit einem Hauch von Humor kombinierte. Ihre Hochzeit erlebte sie nach dem Tod des Italofranzosen Jean Baptiste Lully. Campra wurde der erste wirkliche Meister dieses musikalischen Genres.
„Les Fêtes Venitiennes" besteht aus einer Reihe von in sich abgeschlossenen Handlungsepisoden, so genannten Entrées. Aus Campras ursprünglicher Oper, die mehrere Stunden dauerte, behielten Christie und Carson den Prolog, drei Szenen und den Epilog bei. Diese Reduzierung auf rund zweieinhalb Stunden Handlung nimmt der Oper nichts von ihrer ironischen Dramatik.
Bühnenbildner Radu Boruzescu setzt mit schnell und einfach verschiebbaren Stellwänden die monumentale Pracht von San Marco in Szene, liefert dazu neblige Kanalufer und lässt stimmungsvoll Gondeln über die Bühne gleiten.
Die gesamte Besetzung, darunter Rachel Redmond in den Rollen der Irène, der Léontine und der Flore, und Cyril Auvity als Maitre de danse, als Diener der Fortune und als Adolphe, hätte für eine solche Oper nicht besser sein können. Christie engagierte ausschließlich französische Interpreten, wohl wissend, dass die vokale Intonation der französischen Barockoper eine ganz spezifische ist, und sich von der italienischen und englischen Oper grundsätzlich unterscheidet. Vielleicht muss man deshalb nach Frankreich reisen, wenn man französische Barockopern so erleben will wie sie sein soll.


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