Les Contes d’Hoffmann

Leichtfüßig, moussierend

Hoppla, die Puppe ist ja eine Puppe Foto: Aalto-Musiktheater

Dietrich Hilsdorf  inszeniert, Stefan Soltesz dirigiert Offenbachs Les Contes d’Hoffmann am Aalto Musiktheater Essen
(Essen, 22. Oktober, 2011) Die fast schon kriminalistische Recherche nach der authentischen Fassung von Jacques Offenbachs Oper  "Les Contes d’Hoffmann" ist noch immer nicht zur Gänze abgeschlossen, obwohl die rekonstruierenden Fassungen von Fritz Oeser (1977) und – jüngeren Datums – Michael Kaye und Jean-Christoph Keck alles bislang Aufgefundene gesichtet und aufführungspraktisch geklärt haben. Die letztgenannte Version (mit Sprechdialogen!) wird jetzt auch am Aalto Musiktheater benutzt, mit leichten Modifikationen, wie sie Interpreten (in diesem Falle Dirigent Stefan Soltesz, Dramaturg Norbert Abels, Regisseur Dietrich Hilsdorf) zustehen.  
Hilsdorf kennt man in Essen seit vielen Jahren, wo er zunächst mit einer etwas radikalen Handschrift inszenierte. Mittlerweile bevorzugt er einen realistisch begründeten Inszenierungsstil und realistisches Dekor. Bei "Contes d’Hoffmann" bleibt diese Ästhetik grundsätzlich erhalten, doch beschränkt sich die Ausstattung Johannes Leiackers auf Andeutungen von "couleur locale", welche den Ausgangsort des Handlungsgeschehens, die "gähnend leere Bühne eines Theaters" jedoch immer prägnant typisiert. Das Prinzip Theater auf dem Theater passt selbst zu einer Figur wie E.T.A. Hoffmann, der zwar in Wirklichkeit ein Meister dunkel romantischer Novellen war, bei Offenbach aber mehr der Bühne zugeneigt ist. 
Die von hohen, vorhanggesäumten Wänden umstandene, ansonsten schmucklose Szene (links noch Hoffmanns Arbeitstisch) füllt sich immer mehr mit Hoffmanns Bildvisionen, verdichtet sich zu albtraumhaftem Geschehen mit psychotherapeutischem Anstrich. Die für Offenbach so wichtige Figur der Muse (alias Niklausse) bleibt natürlich erhalten, wird freilich als eine Zuschauerin, die Hoffmanns Muse sein will leicht ironisiert. Hilsdorf nimmt Hoffmanns Liebesaffären jedoch ganz ernst, die Rückkehr des Dichters ins Leben (nach einem misslungenen Selbstmordversuch) wird der Feierlichkeit von Offenbachs Musik treulich in die Hände gegeben, wobei der im Auditorium verteilte Chor (so erlebt man ihn im Aalto häufiger) ihre apotheotische Qualität unterstreicht.
Hilsdorf drängt sich mit seiner Regie nicht auf, bleibt stets "dienlich" – bei allen interpretatorisch vertiefenden Freiheiten im Detail. Eine solche wertet beispielsweise das Couplet des Franz auf: keine operettenhafte Solonummer, sondern eine Szene, wo ein Underdog die ihm anvertraute Antonia sadistisch quält. Bis in kleine Andeutungen hinein demonstriert Hilsdorf, dass er den Stoff bis in alle Verästelungen hinein überschaut und beherrscht. So erinnert ein kurzer Auftritt von Rheinnixen daran, dass die berühmte Barkarole von Offenbach seiner (mittlerweile wieder stärker beachteten) gleichnamigen Oper entnommen wurde. 
Stefan Soltesz, einmal mehr Midas am Pult der Essener Philharmoniker, versteht sich auch auf den leichtfüßigen, moussierenden Stil des deutsch-französischen Komponisten, dessen Operettenvergangenheit auch in dieser ernsten Oper nicht ausgeblendet wird. Vor vielen Jahren hat Thomas Piffka während seines Gelsenkirchener Engagements den lyrisch-schwärmerischen Titelhelden in Offenbachs  "Fantasio" dargestellt (die Produktion hatte, so weit zu sehen, bislang leider keine Folgen für das Repertoire). Jetzt ist er als Hoffmann ein Zerrissener, Verzweifelter, darstellerisch hingebungsvoll und vokal herrlich verschwenderisch. Die Frauenfiguren Olympia, Antonia und Giulietta (Hilsdorf vereint sie zuletzt à trois zu Hoffmanns Schwarm Stella, die selber nicht auftritt) gewinnen durch die koloraturperfekte Rebecca Nelsen, die zärtliche, aber auch schon etwas zum Dramatischen tendierende Olga Mykytenko sowie die mezzoherbe Ieva Prudnikovaite Leben und Individualität. Thomas J. Mayer chargiert die "Bösewichter" nicht, bleibt mit seinem chevaleresken Bariton ein Dämon in bürgerlichem Schafspelz. Prägnante tenorale Charakterstudien liefert Rainer Maria Röhr. Besonderes Kompliment an Michaela Selinger für ihre wohllautende Interpretation von Niklausse/Muse. 
Christoph Zimmermann

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