L'enfant et les sortileges

Theater-Musik

Paul Daniel Foto: All Music

Chor und Symphonieorchester des BR präsentieren mit großartigen Solisten eine zauberhafte semi-konzertante Aufführung von Ravels „l’Enfant et les Sortilèges"
Von Klaus Kalchschmid
(München, 5. November 2015) Es ist die Essenz einer Oper in halber Spielfilm-Länge: 21 Szenen in 45 Minuten! 21 Rollen verteilen sich auf acht Solisten, dazu Chor und Kinderchor, die sprechenden Möbel, Tiere, Bäume und gar Zahlen verkörpern. Ein kind hat sich aus Langeweile und Übermut an allen diesen „Dingen" vergangen; nun wird es bestraft, stirbt vor Schreck fast, um am Ende ob seines doch noch durchscheinenden Mitleids gerettet zu werden, indem der ganze lebendig gewordene Garten den Ruf nach der Mutter anstimmt.
Maurice Ravels „Fantaisie lyrique" unter dem Titel „l’Enfant et les Sortilèges – Das Kind und der Zauberspuk" kann auf der Bühne funktionieren, wie eine Aufführung an der Bayerischen Staatsoper 2011 bewiesen hat, aber diese semi-konzertante Version in der Philharmonie hatte ihren eigenen Reiz. Denn die Sängerinnen und Sänger agierten in Konzertkleidung auswendig an der Rampe vor dem Orchester und traten dafür immer wieder auf und ab – mit Ausnahme des Kindes. In verschiedenen Rollen hatten sie eine sprechende Mimik und Gestik zur Verfügung, wie sie prägnant sangen. Ohne dominierende Optik aber konnte man sich ganz auf die feine kammermusikalische Faktur dieses Märchens konzentrieren, von den BR-Symphonikern unter dem hochpräzisen Paul Daniel exquisit musiziert.
Die Mezzosopranistin Hélène Hébrard war im weißen Männerhemd mit locker gebundener schwarzer Krawatte die einzige im Kostüm – als Junge! Bei den anderen reichte es, die Haare offen oder zusammengebunden zu tragen (François Piolino als Zahlenmännchen, Frosch, Teekanne) oder einfach nur dazustehen, so die Bassbaritone Eric Owens (Sessel, Baum) und Nathan Berg (Standuhr, Kater). Julie Pasturaud (auch der französische Sessel und das Eichhörnchen) sang und spielte mit Letzterem ein wunderbares Katzen-Duett. Sophie Pondjiclis machte gute Figur als Mutter, chinesische Tasse und libelle, während Eri Nakamura Hirtin, Eule und Fledermaus feinen Sopranglanz verlieh.
„Karawane", die Vertonung des gleichnamigen Dada-Gedichts war zuvor das effektvolle Entrée voller Orientalismen, in dem vor allem der BR-Chor in jeder Hinsicht brillieren konnte. Sie stammt von Esa-Pekka Salonen, der das Konzert aus persönlichen Gründen nicht selbst dirigieren konnte. Er zieht alle klanglichen und rhythmischen Register und doch wirkt das Ganze bei aller Nähe zu Strawinsky oder dem Impressionismus nie ekklektisch, sondern einfach anspielungsreich raffiniert und schlichtweg zündend, zumal Paul Daniel die Farben und Finessen der Partitur bis in die letzten Winkel ausleuchtete. 
Am Freitag, 6. November (20.03 Uhr) sendet BR Klassik das Konzert live; anschließend eine Woche lang nachzuhören in der Mediathek.
 
 

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