L’elisir d’amore an der Staatsoper

Auf Fellinis Spuren

Nino Machaidze (Adina) Foto: Wilfried Hösl

Zum ersten Mal seit 100 Jahren wieder an der Bayerischen Staatsoper: Donizettis "L’elisir d’amore"
(München, 2. Dezember 2009) Auch wenn das Finale James Camerons "Titanic"-Film zitiert, heißt es an der Bayerischen Staatsoper nach der Premiere von Donizettis "L’elisir d’amore" schließlich Ende gut, alles gut! Wie einst Di Caprio/Winslet an der Reling der frischen Brise entgegenfieberten, stehen Nino Machaidze und Giuseppe Filianoti, die Hände weit ausgebreitet, auf der altertümlichen Raumkapsel Dulcamaras wie aus einem historischen Science-Fiction-Film und schmachten in den gleißend rotgolden feuerwerkenden Himmel hinein. Ende einer heiter heutigen, ironischen, manchmal auch klamaukigen oder dezent kitschigen Inszenierung des Opern-Frischlings David Bösch.
Vor allem im zweiten Teil zeigt der 31-jährige Schauspielregisseur bereits ein erstaunlich musikalisches Timing und würzt die Handlung mit ein paar Revue-Elementen. Oder der verliebte Nemorino darf, trunken von zuviel Liebeselixir, das hier aus einer blinkenden Sauerstoffflasche sprüht, als wärs Insektengift, zu "Una furtiva lagrima" eine Peitschenlaterne besteigen. Wie ein verliebter Reparateur der Stromleitung hängt er da in luftiger Höh‘, ein gelbes Lämpchen wie absichtslos zwischen den Beinen – und zeigt doch auch, dass da ein Mensch von seinen unbedingten Gefühlen getrieben buchstäblich über sich hinauswächst.

David Bösch ist ein fantastischer Realist auf den Spuren früher Fellini-Filme, wenn er es auf der fast leeren Szene erst stauben, dann augenzwinkernd blitzen und blinken lässt (Bühne: Patrick Bannwart). Auch sein Kostümbildner Falko Herold kontrastiert aufs schönste die pastellfarbenen Kostüme des Volks mit den Nato-Tarnanzügen des geschundenen und blutig blessierten Militärs.

Es sind die kleinen, feinen und doch so konkreten Gags und Gesten, die den Charme dieser Aufführung ausmachen, wie ein riesiges Herz aus rosa Luftballons, das im Getümmel der Szene peu à peu zu Boden gezerrt wird oder das fantastische Gefährt des Quacksalbers Dulcamara, das in seinem Unterbau aussieht als wärs eine Skulptur von Tinguely gekreuzt mit einem Mähdrescher.  Auch die umwerfende Spiel- und Sangesfreude von Filianoti, der eine Menge Charlie-Chaplin-Filme verinnerlicht hat, ist mehr als abendfüllend. Herrlich komisch etwa die Szene,  in der er sich – halbnackt – von der versammelten heiratswütigen Damenschar an die (Unter-)wäsche gehen und lustvoll enthemmt allerlei Körperteile mitswingen lässt. Dass sein exquisit timbrierter Tenor manchmal allzu gedeckt klingt, stört dabei kaum.
Nino Machaidze ist auch musikalisch ganz die kühle Schöne, die erst auftaut, wenn ihr das vermeintliche Desinteresse des auf die Wirkung des Liebeselixirs vertrauenden Nemorino entgegenschlägt. Die Schärfen in der anfangs etwas flach klingenden Stimme verflüchtigen sich dabei  zunehmend. Fabio Maria Capitanucci singt und mimt als Rivale Belcore einen von Selbstzweifeln unangekränkelt virilen Soldaten von mächtiger Statur. Nicht minder bassbuffonesk: Ambrogio Maestri als Dulcamara.

Doch während der Staatsopernchor reinen Belcanto singt, verweist  Juraj Valcuha das Staatsorchester erst nach der Pause in seine Lautstärke-Grenzen und trifft mit ihm einen federnd quirligen Komödienton. 
Klaus Kalchschmid

Termine: 4., 7., 11., 14. und 18. Dezember.
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