Leif Ove Andsnes und MCO

Andsnes‘ Beethoven

Leif Ove Andsnes Foto: Özgür Albayrak

Leif Ove Andsnes und das Mahler Chamber Orchestra mit Beethoven und Strawinsky

(Köln, 18.November 2012) Ähnlich wie die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen ist das Mahler Chamber Orchestra ein Klangkörper, dessen Aktivitäten auf Vielseitigkeit, Flexibilität und darüber hinaus soziales Engagement abzielt. "Feel the Music" heißt ein aktuelles Projekt, "feel" statt "hear". Es handelt sich dabei um den Versuch, schwerhörige oder sogar gehörlose Kinder an der Welt der Musik teilhaben zu lassen, sich mit den verbliebenen Sinnen in sie einzufühlen. Ein Foto im Programmheft zum Konzert mit Leif Ove Andsnes hält einen berührenden Moment fest: Während eines Workshops demonstriert eine Oboistin die Schwingungen ihres Rohrblatts. In den Gesichtern der jugendlichen Teilnehmer spiegelt sich Freude und Erstaunen über diese zuvor wohl noch nicht erlebte Begegnung.
Nicht, dass der "normale" Konzertbesucher die gebotenen Werke (Strawinsky, Beethoven) nun unbedingt völlig anders aufgenommen hätte. Doch die Gemeinschaft mit hörbehinderten Jugendlichen machte bewusst, dass das Gehör uneingeschränkt verfügbar zu haben keineswegs selbstverständlich ist. Ludwig van Beethoven hat das bekanntlich am eigenen Leibe mit Verzweiflung zu spüren bekommen. Diesem Komponisten gilt derzeit das besondere Interesse des norwegischen Pianisten Leif Ove Andsnes. Seine "Beethoven Journey" wird ihn bis 2015 mit rund 60 Auftritten durch 10 Länder führen, wobei neben den Klavierkonzerten gelegentlich auch die Chorfantasie zu hören sein wird. Weiterhin gestaltet Andsnes noch Solo-Recitals und Duett-Abende.
Bei Strawinskys Concerto en Re war das Orchester zunächst sich selber überlassen. Die Widergabe dieses überaus spritzigen und witzigen Werkes bestach durch einen ungemein homogenen Klang, doch auch und besonders durch präzises Zusammenspiel, welches vor allem im rhythmisch vertrackten Einleitungs-Vivace nicht einfach zu leisten ist. Bei aller Perfektion hatte man jedoch nie den Eindruck von mechanischer Kühle. Der sich mit seiner Musik so gern cool gebende Komponist wirkt hier sogar regelrecht hitzig. Nach Durchatmen bei dem kurzen, auf ironische Weise Sentiment getränkten Arioso sprühte auch das finale Rondo nur so vor Spieltemperament.
Im zwei Jahrzehnte zuvor entstandenen, eigenwillig besetzten Bläser-Oktett wurden die solistischen Qualitäten der Musiker noch um etliche Grade deutlicher.
Die Beethoven-Konzerte 1 und 3 wurden von Leif Ove Andsnes auch vom Klavier aus dirigiert. Doch da agierte kein Pianist, der sich eben mal vom Klavierstuhl erhebt und längst vertraute Einsätze gestisch nur unterstreicht. Andsnes lockte seine Musiker vielmehr mit fordernder und prägnanter Zeichengebung. Ergebnis: messerscharfes Orchesterspiel, doch immer mit runder Kontur und genügend locker. Als Solist fügte sich Andsnes sozusagen millimetergenau ein, mit ebenso kraftvollem wie luzidem Anschlag, hinreißenden Trillern und mit einer Frische, welche die Werke fast neu hören ließ. Einfach fantastisch! Ebenso der zugegebene Finalsatz aus der Sonate opus 54.
Christoph Zimmermann

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