Legrenzis La divisione del mondo fulminant in Straßburg

Die Götter-Rasselbande

Die Opéra National du Rhin in Straßburg reanimiert Giovanni Legrenzis Oper „La divisione del mondo“

Von Thomas Migge

(Straßburg, 12. Februar 2019) Opern des 17. Jh. sind nicht unbedingt Publikumslieblinge. Die Musik und die Libretti sind oftmals ungewohnt. Anders als bei Händel und Mozart, deren Musik bis heute fasziniert, weil sie einen Ton trifft, der noch heute Menschen anspricht, wirken die Werke der Komponisten der Zeit vor diesen Klassikern immer ein wenig fremd. Monteverdi, ja, den kennt man, aber damit hat es sich meistens auch schon. Unverständnis entsteht aus Unkenntnis, und so war Christophe Rousset sehr daran gelegen, endlich auch in Frankreich eine Oper auf die Bühne zu bringen, die für die Entwicklung der Musik im 17. und 18. Jahrhundert wegweisend war.

Als „La divisione del mondo“ von Giovanni Legrenzi am 4. Februar 1675 während des Karnevals in Venedig Premiere hatte, wurde diese Oper gleich ein durchschlagender Erfolg. Lange war sie auf den Bühnen präsent, nicht nur in der Lagunenstadt. Doch dann vergaß man Legrenzis Hauptwerk, wie auch alle anderen seiner Opern. Erst im Jahr 2000 kam „La divisione del mondo“ wieder auf die Bühne, mit Thomas Hengelbrock bei den Schwetzinger Festspielen. Kürzlich auch an der Oper Kiel. Doch immer noch wird sie nur selten aufgeführt.
Die Neuinszenierung von Legrenzis Meisterwerk in Straßburg beweist, dass diese Oper das Publikum immer noch begeistern kann. Nicht nur mit der Musik, die, wenn sie mit Bravour interpretiert wird, fasziniert, sondern auch mit einer Regie, die die Göttergeschichten der Handlung für uns heute übersetzt, modernisiert, verständlich macht.

Das Libretto von Giulio Cesare Corradi handelt von Göttervater Jupiter und den anderen Bewohnern des Olymp, von Streit und Sex, von Verführung und Betrug, von Treue und Macht. Menschlich-allzumenschliche Dinge also. Es geht um die Einteilung der Welt in Herrschaftsbereiche, um das Geschlecht der Titanen und um Jupiter, der nach langen Streitereien jedem das seine zuteilt. Es geht um Neptun und Pluto, die der schönen Venus nachstellen, die aber viel mehr am hübschen Apoll und dem stattlichen Kriegsgott Mars interessiert ist.

Diese komplexen und in der Literatur der Antike angesiedelten Zusammenhänge verständlich zu machen ist der niederländischen Regisseurin Jetske Mijnssen gelungen. Sie schafft es, aus der vertrackten Götteroper eine spritzige Gesellschaftskomödie zu machen. Man fühlt sich an die zum Teil durchgeknallten Protagonisten des US-amerikanischen Films „The Royal Tenenbaums“ von 2001, Regie von Wes Anderson, erinnert. An die Mitglieder einer modernen Familie, die, wie die Götter des Olymps, widerstreitende Interesse haben. Mijnssen macht die mythologischen Zusammenhänge, die in der Legrenzi-Oper aufs Korn genommen werden, dadurch verständlich, dass sie sie aus dem Götterhimmel auf die Erde, in eine großbürgerliche Wohnung versetzt. Und siehe da: so wird Legrenzis Oper eine heitere Komödie.
Sämtliche Sängerinnen und Sänger waren stimmlich und physisch perfekt in ihren Rollen. Von der attraktiven Sophie Junker als Venus über den stämmigen Riesen Stuart Jackson als Neptun bis hin zu Carlo Allemano als Göttervater Jupiter, der wie eine Art Onassis der Götter-Rasselbande vorsteht.

Etwas enttäuschend ist hingegen Roussets musikalische Interpretation. Anstatt die musikalische Schärfe der italienischen Musik des 17. Jh. hervorzuheben, wirkt Legrenzi bei ihm ein wenig französisch, und das heißt ziemlich elegant und wenig scharf und dramatisch. Dem unbestrittenen Experten vor allem französischer Barockmusik gelingt es nicht immer das hinreißend Lebendige und Freche der Partitur in ganzer Klarheit zu unterstreichen. Doch einmal abgesehen von dieser puristisch-philologischen Bemerkung bietet Rousset mit seinem Orchester Les Talens Lyriques einen musikalisch zauberhaften Abend.

Werbung

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.