Lear Berlin

Hündische Kreaturen

Jens Larsen als Graf Glocester Foto: Wolfgang Silveri

Hans Neuenfels inszeniert Reimanns "Lear" an der Komischen Oper
(Berlin, 22. November 2009) Nun hat Berlin endlich doch einen neuen "Lear". Eigentlich wollte die Staatsoper dieses Opus Magnum Aribert Reimanns anlässlich seines 70. Geburtstags ins Repertoire aufnehmen, tauschte es dann aber gegen Lehàrs "Lustige Witwe", die zu allem Unglück auch noch zu einem Fiasko geriet.
Nun ist es die Komische Oper, die die Shakespeare-Vertonung schon zum zweiten Mal in einer rundum respektablen Produktion auf die Beine stellt, während die Staatsoper tags zuvor den nächsten Operettenflop mit Strauß‘ "Fledermaus" landete.
Fast will man es gar nicht glauben: Schon 30 Jahre liegt die Uraufführung zurück. "Lear" ist nahezu schon ein Klassiker, einer zudem, der ganz unterschiedliche Lesarten zulässt. Zuletzt hatte Keith Warner die Tragödie vom gealterten König, der sein Reich fatalerweise unter seinen machtgierigen Töchtern aufteilt, ausgerechnet seine selbstlose jüngste Tochter enterbt, 2008 an der Oper Frankfurt in einem dunklen Panoptikum angesiedelt.
Die Inszenierung an der Komischen Oper wirkt nun mit ihrem gleißend weißen Bühnenraum (Hansjörg Hartung) fast wie ein Gegenentwurf, und ist doch nicht minder packend. Es ist der Ton des Grellen, Hochemotionalen, Dramatischen, der diese Aufführung dominiert, regelrecht Herzrasen verursacht. Zwischen scharfen Dissonanzen, gellenden Aufschreien und martialischen Clustern bleibt kaum Zeit zum Luftholen. Carl St. Clair, der für die musikalische Einstudierung zeichnet, zieht da gemeinsam an einem Strang mit Regisseur Hans Neuenfels. Er ist ganz in seinem Element, stürzt sich mit Haut und Haaren in die Partitur, führt das Orchester der Komischen Oper bis an schärfste Klirrgrenzen, packt das Publikum bei der Gurgel.
Entsprechend aufgeheizt ist die Stimmung auf der Bühne. Gleichermaßen kafkaeske Witzfiguren und nervtötende Hysterikerinnen sind die Schwestern Goneril (Irmgard Vilsmaier) und Regan (Erika Roos), die eine hat machtbewusst die Hosen an und spielt mit Puppen, die andere gibt sich höchst exaltiert im kitschigen, pinkfarbenen Ballkleid (Kostüme: Elina Schnizler) und hält sich Hunde. Bösartig und gefühlskalt sind sie alle beide, vor allem dann, wenn sie die Hunde auf Graf Glocester loslassen.
Der hat als Vater einen ebenso schrecklichen Fehler begangen wie Lear, ausgerechnet seinen legitimen Sohn Edgar verstoßen. Weil er zum gefallenen, vertriebenen Lear hält, blenden ihn die herrischen Weiber und ihre Männer. Es ist dies die schaurigste Szene des ganzen Abends, ungemein beklemmend unter dem Eindruck der hündischen Kreaturen, die ihr Opfer zähnefletschend umzingeln.
Auch ekeln darf man sich bei diesem Drama um menschliche Abgründe. Ein Video mit krabbelndem Gewürm gibt es bereits zu den ersten Klängen. Hunderte von Maden machen sich über einen Apfel her, mit dem zuvor noch zwei Jungen spielten.
In solchen schlichten Gleichnissen liegt die Meisterschaft eines mittlerweile abgeklärten Regisseurs, dem mit "Lear" seine unprovokativste Opernregiearbeit gelingt. Und insgeheim auch seine persönlichste, mit kleinen Ansätzen einer Selbststudie – der Künstler als König. Nicht zufällig verkörpert seinen Narren Neuenfels‘ Ehefrau, die Schauspielerin Elisabeth Trissenaar. Sie ist kein Funken sprühender Begleiter, ist vielmehr melancholisch wie ein Pierrot, am Ende gar der personifizierte Tod.
Und Lear? Er ist einmal kein Monarch im Königsmantel mit Rauschebart, der im Wahnsinn schier außer sich gerät, sondern ein Mann unserer Zeit in Cordhose und Pullunder, den nach dem Sturm in der Heide die Kräfte verlassen, der sich resigniert in sein Schicksal fügt. Ein Vergleich mit dem Fischer-Dieskau, der diese Partie 1978 zur Uraufführung in München gestaltete, drängt sich so erst gar nicht auf. Mit seinen marmoredlen, profunden Stimmgaben erweist sich der grandiose isländische Bassbariton Tómas Tómasson als großer Glücksfall für diese Partie. Auch das übrige Ensemble bewährt sich aufs Trefflichste.
Star des Abends aber ist Reimann selbst. Nicht zu Unrecht zählt sein "Lear" zu den abzählbaren repertoirefähigen Opern der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Er habe das große Glück gehabt, einem Genie zu begegnen, sagte "Hans Neuenfels" über ihn auf der Premierenfeier.
Kirsten Liese

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