Lange Nacht des Streichquartetts in München

Ein Fest des Streichquartetts in München

Die Quartette Armida, Danish und Vision begeistern bei der Langen Nacht des Streichquartetts im Münchner Prinzregententheater

Von Klaus Kalchschmid

(München, 27. Januar 2018) An Konzerten mit hervorragenden jungen Streichquartetten mangelt es in München und Umgebung wahrlich nicht. Tonicale veranstaltet neuerdings in der Allerheiligen Hofkirche die Reihe „Vier im roten Kreis“, im akustisch hervorragenden August-Everding-Saal in Grünwald oder bei „Klangwelt Klassik“ in Icking gibt es entsprechend Hochkarätiges zu erleben. Lange Zeit war die gleichnamige Konzertdirektion des mittlerweile über 90-jährigen Kontrabassisten und Veranstalters Georg Hörtnagel im Herkulessaal der Residenz diesbezüglich Marktführer. Jetzt hat er sein Lebenswerk in die Hände von Andreas Schessl (münchen musik) und Sonja Simmenauer gegeben, die seit 30 Jahren eine Agentur ausschließlich für Streichquartette leitet.

Von ihr stammt auch die – bereits andernorts erprobte – Idee einer „Langen Nacht des Streichquartetts“. Dergleichen Nächte kennt man in München, aber da brummen dann alle Museen der Stadt oder wird noch im letzten Hinterhof Musik gespielt. Dabei fragt man sich allerdings stets, wo all die Menschen sonst bleiben, wenn es Ausstellungen zu sehen gibt oder Konzerte jeglicher Couleur.

„Die lange Nacht des Streichquartetts“ knüpfte da eher an die Nächte des Bayerischen Rundfunks in der Musikhochschule an, die einst in den 1980ern Komponisten wie Wagner, Janáček oder Bartók mehrere nächtliche Stunden gleichzeitig in verschiedenen Sälen widmeten. Diesmal konzentrierte sich das musikalische Geschehen freilich auf eine Gattung und einen Raum, Münchens schönsten und besten Konzertsaal: das Prinzregententheater. Mit dem Armida Quartett, das vor fünf Jahren genau an diesem Ort den ARD-Musikwettbewerb gewann, dem Danish String Quartet und dem Vision String Quartet gestalteten drei hochkarätige junge Ensembles einen spannenden und beglückenden Abend, der herrliche Konzentration auf wunderbare Werke das klassische Repertoire bot, aber auch zeigte, wie fetzig zwei Geigen, Bratsche und Cello mit dänischer Volksmusik oder Jazzstandards klingen können.

Als das Vision String Quartet (trotz des englischen Namens aus Berlin) in der Schlussgeraden nach fast vier Stunden inklusive zweier Pausen bestgelaunt in Mimik und Gestik und wieder stehend, nein jetzt fast tanzend, Eigenes und Arrangements von Benny Goodman oder Oliver Nelson („Stolen Moments“) zum Besten gab, ging das Publikum mehrfach begeistert Zwischenapplaus schenkend mit wie bei einer Jam-Session, derweilen die Bühne farbig eingenebelt wurde. Jakob Encke, Daniel Stoll, Sander Stuart und Leonard Disselhorst hatten den Abend schon ungewöhnlich eingeleitet: mit „Starry Night“ des amerikanischen Minimalisten Steve Martland für Streichquartett und Marimba, gespielt von Schlagzeuger Alexej Gerassimez, der auch mit virtuosem Spiel auf einer Mineralwasserflasche (!) und seinem eigenen Stück „Asventuras“ für Snare Drum den Abend würzte. Mit Franz Schuberts Quartettsatz bewiesen die vier jungen Männer dazwischen, dass sie nicht minder vollendet klassisches Streichquartett spielen können. Man traute seinen Ohren kaum, wie intensiv und spannungsgeladen, aber auch fein und hochpräzise das in jedem Takt musiziert war. Chapeau!

Daran knüpfte das Danish String Quartet im dritten Teil mit Ludwig van Beethovens „Rasumowsky“-Quartett (op. 59/1) an und bestach ebenfalls mit einer Ausgewogenheit und einem Spiel wie auf einem Atem, was nicht zuletzt den grandiosen, nicht enden wollenden langsamen Satz zum Ereignis machte. Was für eine Überraschung, dass ein erster Geiger wie Rune Tonsgaard Sørensen zugleich hochpräsent und mit nobler Zurückhaltung spielen und zusammen mit, nicht über seinen ebenfalls hervorragenden Kollegen strahlen konnte. Von den schon auf mehreren Platten dokumentierten Arrangements skandinavischer Folkmusic der Dänen war leider nur eine – umso berückendere – Kostprobe zu hören.

Auch das Armida Quartett reizte die Grenzen des klassischen Streichquartetts aus und spielte neben Joseph Haydns Lerchen-Quartett (op. 64/5) überragend die drei Sätze des zweiten Streichquartetts von Sergei Prokofjew op. 92 „über kabardische Themen“; soll heißen eines Volks im Kaukasus, wo Prokofjew im Krieg lebte. Das klang teils fremdartig, teils in seiner Expressivität an die Nieren gehend, von Martin Funda, Johanna Staemmler, Teresa Schwamm und Peter-Philipp Staemmler mit größtmöglicher Trennschärfe und Intensität dargeboten – und demnächst auf CD eingespielt.

Nicht zuletzt die launige Moderation Annekatrin Hentschels von Gesprächen mit den aufgekratzten Musikerinnen und Musikern zwischen den einzelnen Darbietungen machte den Abend zu etwas ganz Besonderem, das glücklicherweise im nächsten Jahr wiederholt wird!

Am 5. Februar gibt es ab 21.05 Uhr auf BR-Klassik im Magazin U21 Ausschnitte zu hören, entsprechende Videos sind auf www.br-klassik.de, youtube und Instragram von U21 abzurufen.

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