Lang Lang und Paavo Järvi beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

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Chinesischer Troll in nordischen Wäldern

Lang Lang Bild: Kasskara / DG

Lang Lang, Paavo Järvi und die BR-Symphoniker mit Grieg, Sibelius und Tüür in der Münchner Philharmonie
(München, 13. Juli 2007) Der 50. Todestag von Jean Sibelius und Edvard Griegs 100. – beide im September – wollen schon jetzt angemessen gewürdigt sein. Und da man einen Lang Lang wohl kaum bitten muss, den populären, virtuosen Reißer des Griegschen a-moll-Konzerts zu spielen, stand er im Zentrum der beiden Abende in der Philharmonie mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Leitung von Paavo Järvi. Natürlich blieb der 25-jährige chinesische Starpianist der Brillanz und dem Effekt dieser Musik nichts schuldig, träumte er sich sogar manchmal mit sensiblem Anschlag lyrisch in nordisches Mittsommerlicht. Doch immer wieder wütete ein chinesischer Troll in den Klaviertasten und verwirrt fragte man sich: Warum läßt ein Musiker, der technisch perfekt ist, den Flügel im Diskant so klirren? Warum weht aus den Akkordgewittern stets ein solch‘ kalter Eiseshauch? Warum bekommt der Flügel in der dramatischen Attacke so selten Gelegenheit, plastisch, körperhaft, farbig zu klingen?
Kleine Anmerkung: Dass Lang Lang nicht einmal der enthusiastische Applaus in der bis auf den letzten Platz gefüllten Philharmonie zu einer Zugabe verführen konnte, zeugt nicht gerade von der Hochschätzung seines Publikums. Und dass die Signierstunde für seine vor dem Konzert verkauften CDs und DVDs im Programmheft angekündigt wurde und dann an beiden Abenden einfach ohne Grund ausfiel, war wohl einzig ein verkaufsförderndes Inserat.
Ganz befreit von diesem Starkult waren zuvor die letzte Tondichtung „Tapiola“ von Jean Sibelius und danach dessen 5. Symphonie. Die Schelte, die der Schwede von gestandenen Musikologen wie Theodor W. Adorno bezog, misst seine Musik am Formkanon der Klassik. Aber warum darf Musik nicht düster raunen, mit fremdartigen Klangfarben unter die Haut gehen, statt mit „thematischer Arbeit“ vor allem den Kopf zu beschäftigen. Dabei ging Sibelius selbst kritisch mit seiner Partitur um, unterzog seine Fünfte während des ersten Weltkriegs noch zweimal einer eingehenden Revision: „Irdischer, vibrierender“ sollte sie werden. Die Fassung letzter Hand, die auch die BR-Symphoniker spielten, ist dreisätzig, kombiniert ersten und zweiten (Scherzo-)Satz zu einem. Das gibt dem Ganzen eine erstaunliche Stringenz. Paavo Järvi gelang es zunehmend, die BR-Symphoniker auf die Intensität und das nordische Licht dieser Musik einzuschwören, jenseits aller Vordergründigkeit und mit vielen Schattierungen in den Klangmischungen von Streichern und Bläsern, die erst den typischen Sibelius-Sound erzeugen.
Große Ernsthaftigkeit prägte auch den kurzen, sich famos schichtenden „Aditus“ von Erkki-Sven Tüür nach der Pause wie die einleitende „Tapiola“-Tondichtung. Diese Beschwörung finnischer Wälder, konnte beim Sibelius-Spezialisten Paavo Järvi nicht nur nachvollziehen, wer schon einmal stundenlang vom Zug aus oder wandernd diese Unendlichkeit erleben durfte. Sondern fast magisch erreichte Järvi über das Medium seiner Musiker wohl jeden einzelnen im Publikum kraft der von ihm ausstrahlenden Autorität. Trolle waren diesmal keine im Spiel.
Klaus Kalchschmid

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