Lakmé am Opernhaus Oman

Butterfly in Indien

Das Opernhaus Muscat im Oman zeigt in seiner ersten Eigenproduktion Léo Delibes Oper „Lakmé“ – eine großartige Leistung

Von Robert Jungwirth

(Muscat, 29. März 2019) Nicht zum Gespräch mit dem Regisseur wurde man vor der Premiere der Oper Lakmé von Léo Delibes am Royal Opera House Muscat als Journalist gebeten, sondern zum Interview mit dem Parfumeur der Produktion. Der hielt bei dieser Gelegenheit im Opernhaus Hof als wäre er selbst der Sultan oder zumindest ein Verwandter von ihm. Mit vielen glitzernden Ringen an den Fingern und in aufwändiger, reich verzierter Seidenrobe. Roja Dove macht ohne jeden Zweifel eine gute Figur in dem wunderbaren goldverzierten Sessel des Opernhauses und vor den vielen Ornamenten an den Wänden und am Boden. Ein Parfümeur also für eine Oper. Das ist doch mal was Neues. Engagiert wurde er allerdings nicht vom Operndirektor, sondern von einem Mitglied der Familie des Sultans. Sein Auftrag: Ein Parfum für die Oper Lakmé zu kreieren, das dann während der Vorstellung an bestimmten Stellen des Werks im Zuschauerraum versprüht werden soll.

Andere Länder, andere Opernsitten. Ein Parfum zu einer Oper ist keineswegs der schlechtesten Ideen eine, zumal in Verbindung mit einem Werk, bei dem es so viel um Blumen und Düfte geht, wie in „Lakmé“. Es hat also eine gewisse Berechtigung einen Parfümeur „mitspielen“ zu lassen – ganz im Sinn eines möglichst viele Sinne ansprechenden Gesamtkunstwerks, das die Oper ja sein will…und so ist dies auch nicht eine äußerliche Luxusidee.

Wie überhaupt das Royal Opera House in Muscat trotz seiner atemberaubenden Architektur und prachtvollen Innenausstattung nicht um des vordergründigen Effekts willen gebaut wurde, wie das in anderen Emiraten bei Kulturbauten gerne mal geschieht. Hier wollte der Sultan, der sich selbst sehr für Musik interessiert, ein schönes und voll funktionsfähiges Opernhaus für die Menschen seines Landes schaffen, die dort Musik aus ihrer Heimat, aber auch Jazz, Weltmusik, europäische Konzertmusik und eben auch Opern genießen sollen können. Das war das Ziel, das Sultan Qaboos Bin Said hatte, als er den Plan fasste, das erste Opernhaus auf der arabischen Halbinsel zu errichten.

Fotos: Royal Opera House Oman (ROHM)

2011 wurde das Theater eröffnet, und man kann sagen, dass es tatsächlich seitdem eine gewisse Opernkultur im Oman etabliert hat. Einführungsveranstaltungen und Education-Programme bieten darüber hinaus Hinführungen an eine Kultur, die hierzulande bis vor wenigen Jahren kaum bekannt war. Und die Menschen in Muscat nehmen das Angebot an. Natürlich kommen auch gern europäische „Gastarbeiter“ und Touristen zu den Vorstellungen.

Seit 5 Jahren leitet der Italiener Umberto Fanni das Royal Opera House und sorgt seitdem für einen abwechslungsreichen und anspruchsvollen Spielplan nicht nur, aber doch hauptsächlich mit Repertoirehighlights wie „Madama Butterfly“ und „Traviata“. Dabei handelt es sich immer um Gastspiele von Theatern oder Festivals, denn ein eigenes Ensemble und Orchester hat das Haus nicht.
Jetzt aber gab es an dem Haus erstmals eine eigenständige Produktion, die in Zusammenarbeit mit verschiedenen Theatern entstanden ist: „Lakmé“ von Léo Delibes. Wann wurde dieses absolut hörenswerte Werk zuletzt in Deutschland auf einer Bühne gespielt? Delibes, dessen Ballett „Coppélia“ jeder kennt, hat damit aber keineswegs einen singulären Wurf geliefert. Der 1891 gestorbene Komponist war auch für die Oper überaus begabt und ist sozusagen eine Art französischer Puccini mit ein wenig mehr Impressionismus, wenn man derlei problematische Etiketten verwenden will.

Und „Lakmé“ ist eine Art „Butterfly“ – nur spielt die Oper in Indien, und die Titelfigur ist eine brahmanische Tempeldienerin, die sich in einen englischen Soldaten verliebt. Was natürlich nicht gutgehen kann, nicht nur, weil der Soldat etwas unterbelichtet ist und sofort davon rennt, wenn er Marschmusik hört, sondern vor allem weil er von Lakmés Vater gleich zweimal versuchsweise erdolcht wird. Denn Lakmé ist allein dem Tempeldienst geweiht und darf dabei nicht gestört werden. Soweit so unüberzeugend. Aber Libretti sind ja eher selten die Highlights einer Oper.

Regisseur Davide Livermore hat in seiner Inszenierung vor allem bildhaft gearbeitet. Mit einem Filmteam (D-Wok) hat er faszinierende Blüten und Blumenbilder aufgenommen und aufwendig bearbeitet, die kunstvoll auf verschiedene sich bewegende Leinwände projiziert werden. Dazu gibt es prächtige Marktszenen in Indien mit den entsprechenden Gewändern und Farben. Also etwas fürs Auge. Während die Personenregie – nun ja – eher traditionell geraten ist. Witzig allerdings ist, wie Livermore die bereits im Libretto enthaltene Kritik an den Engländern und deren Überheblichkeit szenisch umsetzt. In Francesca Sassu als schrullig-arrogante Miss Bentson hat Maggie Smith ihr Pendant auf der Opernbühne gefunden (die Kostüme, angelehnt an die Mode der 20er Jahre stammen von Mariana Fracasso). Auch die Balletteinlagen mit Anleihen beim indischen Tanz – die Choreographie stammt ebenfalls von Livermore – sind durchaus sehr gelungen.

Foto: ROHM

Musikalisch ist die Oper überaus anspruchsvoll, was wohl auch ein Grund dafür ist, dass sie so selten zu hören ist. Die Titelpartie stellt enorme Anforderungen, aber auch die Tenorpartie des englischen Soldaten Gerald. Svetlana Moskalenko verfügt über entsprechende Höhen und Stimmsicherheit, wenngleich ihre Stimme manchmal etwas scharf klingt. Leonardo Ferrando gibt mit lyrischem Tenor überzeugend den zwischen Liebe und Soldatenehre schwankenden Gerald. Die gesamte Sängerbesetzung ist überzeugend, vor allem Raffaella Lupinacci als Freundin Lakmés Mallika ist besonders hervorzuheben. Beide Frauen singen ja die bekannteste Nummer der Oper, das „Blumenduett“ – das zuletzt sogar für eine Autowerbung herhalten musste.

Als Orchester hat Umberto Fanni die Musiker des Theaters Genua für diese Produktion in den Oman eingeladen, die unter der Leitung des noch jungen französischen Dirigenten Jordi Bernàcer vielleicht nicht brillant, aber doch stilsicher und Puccini-nah intonieren.
Insgesamt eine großartige Leistung des Opernhauses Muscat und aller Mitwirkender und ein überzeugendes Plädoyer für dieses zu Unrecht vernachlässigte Werk.

Tipp: Reisen in den Oman sowie Ausflüge und Tagestouren dort bietet u.a. der Veranstalter Take Memories in Düsseldorf an: www.takememories.com oder Telefon: 0221 97533323 bzw. 0177 5993556
Weitere Informationen zum Land: www.experienceoman.om

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