Lady Macbeth

Komponierter Orgasmus

Foto: Anne Kirchbach

Erstmals in München: die Urfassung von Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ im russischen Original mit einer überragenden Anja Kampe in der Titelrolle – dirigiert von Kirill Petrenko, inszeniert von Altmeister Harry Kupfer

Von Klaus Kalchschmid
(München, 28. November 2016) 60 Jahre nach der Uraufführung gab es 1993 in München erstmals die Urfassung von Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ aus dem Jahr 1932 am Nationaltheater zu sehen; in der Regie von Volker Schlöndorff mit Hildegard Behrens und auf Deutsch. Jetzt endlich kam die Oper (wieder an der Bayerischen Staatsoper) im russischen Original auf die Bühne, inszeniert von Harry Kupfer mit einer großartigen Anja Kampe in der Titelpartie. Kirill Petrenko stand am Pult des exzellenten Bayerischen Staatsorchester.
112 Takte komponierter Sex mit orgiastischen Blechbläsern (aus vier Proszeniumslogen!), einschließlich Orgasmus und Erschlaffen im nach unten gleitenden Glissando: Das war und ist vielleicht das größte Skandalon von Dmitri Schostakowitschs wahrlich auch sonst nicht zimperlicher „Lady Macbeth von Mzensk“, die der Komponist in den 1960er Jahren in einer geglätteten Fassung als „Katerina Ismailowa“ herausbrachte. Denn was für ein wildes, manchmal abstrus parodistisches, dann wieder ganz zart lyrisches oder auch zutiefst leidenschaftliches und Leiden schaffendes Stück ist diese Oper des 26-Jährigen, deren Handlung und Musik sich am Ende ins Allgemeingültige wendet und musikalisch als Requiem und wie mit einem ins Universelle gewendeten Trauermarsch endet!
Hans Schavernoch hat Harry Kupfer die Illusion einer riesigen gemalten  Fabrikhalle für das Nationaltheater entworfen, in die das Zimmer der „Lady“, also der Kaufmannsgattin Katerina Ismailowa, hineingehängt ist. Es kann auf- und abschweben und ist das ramponierte, löchrige, kaum möblierte Gefängnis einer Frau, die sich langweilt, weil sie mit ihrem Mann, der sie vernachlässigt, keine Kinder bekommen kann. Die unter einem tyrannischen Schwiegervater leidet und von einem jungen Vorarbeiter rüde verführt wird.
Anja Kampe hat alles, was es für die Darstellung des Schicksals dieser Katerina braucht: Neben einer enormen Bühnenpräsenz Sinnlichkeit, Verletzbarkeit, aber auch und vor allem einen lodernden Sopran, der in jedem Ton glaubhaft macht, dass da eine Frau gleichsam in Notwehr zur dreifachen Mörderin wird: am Schwiegervater, der sie demütigt und den Geliebten brutal auspeitscht (grandios und immer noch stimmgewaltig: der 69-jährige Anatoli Kotscherga); an einem Schlappschwanz von Gatten, den Sergey Skorokhodov ebenso trefflich singt, wie er ihn als scheues Männlein spielt; und am Ende an der neuen Geliebten eines Liebhabers, von dem man nie weiß, wie triebgesteuert er ist und wieviel Liebe er Katerina je geben könnte: Bei Misha Didyk hat Sergej schon in der Stimme etwas Animalisches, das Fürchten macht.
Auch die zahlreichen kleineren Partien sind hervorragend besetzt: etwa mit den langjährigen Ensemble-Mitglieder Heike Grötzinger (Axinja) oder Kevin Conners (Der Schäbige), dem jungen Bassisten Milan Siljanov (Mühlenarbeiter) oder der wunderbar samten klingenden, ebenso jungen Altistin Anna Lapkovskaja als Sonjetka und Nebenbuhlerin Katerinas, die sie am Ende in den Tod stößt und mit ihr in einem „schwarzen See“ untergeht. Als Polizeichef brilliert der beinahe überbesetzte Alexander Tsymbalyuk – immerhin schon Boris Godunow an der Staatsoper!
Bis zur Pause will der etwas halbherzige Realismus, den Altmeister Harry Kupfer seiner Inszenierung zugrunde legt, allerdings nicht so recht überzeugen: Folter, Vergewaltigung oder Beischlaf einerseits nur anzudeuten und dann doch vital auszureizen, funktioniert in dieser Doppelung nicht. Dafür gelingt es Kupfer im dritten Akt – nun ist die Fabrikhalle hinten offen und riesige, meist schwarze Wolken verdecken die Sonne – hinreißend, auf zweistöckiger Bühne die Hochzeit in Weiß (Kostüme Yan Tax) und (darunter) die grelle Parodie von Polizisten auf sich drehenden Bürostühlen zum Ereignis zu machen. Auch das von Schostakowitsch so großartig auskomponierte Menschheitspathos des sibirischen Gefangenenlagers kann Kupfer mit dem Chor der Bayerischen Staatsoper überzeugend auf die Bühne bringen.    
Das Ereignis der Produktion ist neben Anja Kampe jedoch das Staatsorchester unter Kirill Petrenko. Sowohl der schneidende Sarkasmus der Bläser wie die aus dem Ruder laufenden parodistischen Tänze, aber auch die zarte Süße der Streicher in der Liebesszene von Katerina und Sergej oder das Requiem der Schlussszene haben bei Petrenko ihren Platz und verweisen im Augenblick des Erklingens auf Nichts als sich Selbst; gewaltige Crescendi wachsen oft auf nur einem Ton ins Riesenhafte und sind dabei kaum mehr erträglich, weil sie die pure Expression darstellen.
Die Vorstellung der „Lady Macbeth von Mzensk“ am Sonntag, den 4. Dezember (19 Uhr) ist in Bild und Ton kostenlos über www.staatsoper.de/tv live im Internet zu verfolgen.



Münchner Philharmoniker


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