Lady Macbeth von Mzensk

Opernkritik: Lady Macbeth von Mzensk

Höllenfahrt einer verlorenen Seele

Ausrine Stundyte in der Titelrolle (Mitte) Foto: Oper de Lyon

Dmitri Tcherniakov bringt in Lyon Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk heraus
Von Robert Jungwirth
(Lyon, 23. Januar 2016) Russische Polizisten können sehr beunruhigend wirken. Der aus Moskau stammende Regisseur Dmitri Tcherniakov weiß das. Und so lässt er den Männerchor der Oper Lyon als unberechenbar-gefährliche Meute auf die Bühne stolpern – in einer gespenstischen Mischung aus lächerlich und brutal. Mit geradezu sadistischem Vergnügen platzt die Gruppe in die Hochzeitsgesellschaft von Katerina und Sergej. Und innerhalb kürzester Zeit haben Sie die buchstäbliche Leiche im Keller des Ehepaars entdeckt. Es ist der Mann von Katerina, Sinowi, den sie und Sergej aus dem Weg geräumt haben, weil er ihrer Liebe im Weg stand. Ebenso wie den Schwiegervater. Der ist an Gift gestorben, was man nicht herausgefunden hat. Aber Sinowi liegt erdrosselt im Keller. Das ist weniger unauffällig, und so sehen sich Katerina und Sergej im Gefängnis wieder. Dort hat Sergej allerdings keine Augen mehr für Katerina, dafür umso mehr für die Mitgefangene Sonietka.
Es ist die Entfesselung unkontrollierter emotionaler Zustände, die Dmitri Schostakowitsch in seiner zum Skandal gewordenen Oper schildert. Stalin missbilligte das Werk 1936 und ließ den berühmten Schmähartikel mit der Überschrift „Chaos statt Musik“ schreiben, der Schostakowitsch verunglimpfte und seine „Lady Macbeth“ von den Spielplänen der Sowjetunion tilgte. Von einer erbaulichen Volksoper, die dem brutalen Diktator vorgeschwebt haben mag, ist die erste der zwei Opern Schostakowitschs fraglos Lichtjahre entfernt. Dafür ist sie ganz nah am Wüten menschlicher Emotionen und Extreme – womöglich hat sich Stalin genau darin selbst erkannt und sie deshalb mit einer solchen Heftigkeit abgelehnt.
Tcherniakov legt die Emotionen und psychischen Konstitutionen der Figuren mit enormer Präzision frei, seziert sie gewissermaßen mit dem Skalpell und stellt sie vor dem Zuschauer aus: die lüsterne Brutalität des Schwiegervaters, die erdrückende Dämlichkeit des Ehemanns, die brutale Sinnlichkeit des Liebhabers und natürlich vor allem die wie eine Wüstenpflanze nach dem Regen sich nach Liebe und Sexualität verzehrende Titelheldin. Grandios, mit welcher Rückhaltlosigkeit sich Ausrine Stundyte in die seelischen Abgründe dieser Figur hineinwirft. So wie Tcherniakov, der wie immer auch die Bühne entwarf, diese im Verlauf der Oper immer stärker fokussiert, bis am Schluss nur mehr eine kleine schäbige Gefängniszelle übrig bleibt, so fokussiert sich im Lauf der Oper alles auf den seelischen Zerfall Katerinas.
Auch gesanglich füllt die litauische Sopranistin die Partie bis in ihre entlegensten klanglichen Verästelungen hinein überzeugend aus – eine faszinierende Einheit aus Klang und Darstellung, Musik und Psychostudie. Es erstaunt nicht, dass sie beim stürmischen Schlussapplaus erst einmal ein paar Minuten braucht, bis sie sich aus ihrer Rolle wieder befreit hat.
Man merkt die lange Erfahrung, die Tcherniakov mit dieser Oper hat, die er 2008 bereits in Düsseldorf und danach in London inszeniert hat. Auch für die Neuauflage seiner Regie in Lyon investierte er gut fünf Wochen Arbeit. Man sieht es an jeder Bewegung jedes einzelnen Choristen, die Tcherniakov zu Beginn in einer hyperrealistischen Fabrikhalle inclusive Gabelstaplerfahrer herumwuseln lässt. Auch John Daszak als Sergej – er ist eine Art Vorarbeiter in diesem neuzeitlichen Kombinat – bietet mit seiner testosteronschwitzenden Direktheit ein beeindruckend stimmiges Rollenbild.
Überragend die musikalische Leitung von Lyons scheidendem GMD Kazushi Ono, der Schostakowitschs musikalische Drastik vor allem in den orchestralen Zwischenspielen ebenfalls wie mit dem Skalpell herauspräpariert und damit Tcherniakovs Regie-Genialität nicht nachsteht.

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.