Lady Macbeth von Mzensk in Salzburg

Gruselstory

Die Oper gehört dem Dirigenten, die Wahrheit dem Komponisten –  zur Salzburger „Lady Macbeth von Mzensk“

Von Derek Weber

(Salzburg, 5. August 2017) Der letzten Endes entscheidende Faktor einer Opernaufführung sei immer der Dirigent, sagt man nicht zu Unrecht. Ganz besonders trifft das auf jene seltenen Abende zu, bei denen Mariss Jansons am Pult steht. In den letzten Jahren musste man nach Amsterdam reisen, um ihn als Operndirigenten zu erleben. Heuer reicht ein Abstecher nach Salzburg (und ein entsprechend dickes Geldbörsel samt früher Buchung), um ihn am Pult der Wiener Philharmoniker als Dirigenten von Dmitri Schostakowitsch ehemaliger sowjetischer Skandaloper „Lady Macbeth von Mzensk“ zu hören – in einer durchaus sehenswerten schnörkellosen Inszenierung von Andreas Kriegenburg, und mit guten Sängern, allen voran der kraftvollen und doch weichzeichnenden Katerina Ismailowa von Nina Stemme.

Berichten wir zuerst von den Vorzügen der szenischen Umsetzung: Kriegenburg und sein Bühnenbildner Harald P. Thor verorten den größten Teil der Handlung – bis auf den vierten, in Sibirien spielendenden Akt – in einem von Zerstörung und Verfall betroffenen städtischen Umfeld, so wie es sich in den von Kämpfen mitgenommenen Teilen der Ostukraine darbietet. Aus diesem die ganze Bühne in Beschlag nehmenden Plattenbau-Ambiente stechen nur zwei den Blick fokussierende Teilräume heraus: die Wohnung von Katharina Ismailowa, die sie zusammen mit ihrem Mann und ihrem Schwiegervater Boris Timofejewisch teilt und in der sie es zu drastisch sexualisierter Musik mit dem Vorarbeiter Sergej treibt; auf der gegenüberlegenden Bühnenseite, an der nach der Pause das Polizeirevier (ein wenig unterkühlt und kaum sarkastisch oder lustig) auffährt, befindet sich das Büro vom Katerinas Ehemann Simowi Borissowitsch Ismailow.
Dieses Raumkonzept erlaubt rasche Wechsel, den Rest an Differenzierung erledigen die Beleuchtung (Stefan Bollinger) und ein paar zittrige Projektionen.

Foto: SF/Thomas Aurin

Nina Stemme spielt und singt die Katerina mit großer Kraft und einer Stimme, die im Piano mit kleiner Zeitverzögerung anspricht. Ihr männlicher Widerpart, Schwiegervater Boris, wird vom bassgewaltigen Dmitry Ulyanov gesungen. Auch die zahlreichen kleineren Rollen sind gut besetzt. Was sonst sollte man bei einem so prestigeträchtigen Festival erwarten?
Die Hauptperson des Abends aber ist unzweifelhaft der Dirigent, der am Schluss auch mit dem meisten Applaus bedacht wird. Jansons kennt die Musik – auch wenn er immer mit der Partitur vor Augen dirigiert – auswendig. Er weiß um alle Farben (auch um die Tücken der Musik), hat die Tempi im Griff und lässt selbst in den tumultartigen Szenen keine Zweifel an der rechten Balance zwischen Stimmen, Chor und Orchester aufkommen.

Jeder weiß, dass Dmitri Schostakowitsch Verfolgungen ausgesetzt war, nachdem Josef Stalin seine Oper gesehen hatte. Was aber meist übersehen wird, ist die Tatsache, dass die „Lady Macbeth“ nach ihrer Uraufführung in den Jahren 1934 bis 1936 eine ganze Serie von Erfolgen feierte, ohne dass die Zensur oder die Theaterbehörden einschritten.
Um die politischen Dimensionen des Skandals von 1936 zu verstehen, muss man auf ein gewisses Grundwissen bezüglich der politischen und kulturellen Entwicklung der Sowjetunion in den Jahren nach 1917 zurückgreifen. Nur so erschließen sich einem die drastisch-aggressiven Tendenzen der Musik. Und nur dann wird einem der Skandal um die Gestalt der Katerina Ismailowa in seiner ganzen provokatorischen Dimension deutlich.

Als es 1936 zum Kesseltreiben gegen Schostakowitsch kam, war schon längst klar, was in dieser Oper verhandelt wurde. Dass die Ismailowa zur privilegierten Oberschicht gehörte, ist das eine, dass es um Moral, Macht und Ideologie ging, das andere. Die Sowjetunion befand sich im Umbruch. Die stalinistische „Kulturrevolution“, die 1932 in die Propagierung des „sozialistischen Realismus“ gemündet war, erlebte gerade erst ihre Anfänge, nachdem Anatoli Lunatscharski, der liberale Leiter des Volkskommissariats für Volksaufklärung, Ende der zwanziger Jahre entmachtet worden war. Alle Macht im Staate lief bei Stalin zusammen. Dass es bis 1936 dauerte, ehe man so scharf gegen Schostakowitsch vorgehen konnte, zeigt nur, wie sehr die Dinge noch im Fluss waren. Denn Feinde hatten sich er und andere längst genug gemacht. Ende der 1920er-Jahre war eine kleinliche Kleinbürgerlichkeit nach der Aufbruchstimmung der ersten Revolutionsjahre in die Kultur zurückgekehrt.
Der Druck auf die Künstler nahm immer mehr zu. Dazu genügt es, die Kommentare zur Zeit aus den letzten Lebensjahren Wladimir Majakowskis zu lesen. Als Schostakowitsch mit der „Lady Macbeth“ auch noch ein Thema aufgriff, dass die sowjetische Version der Heim-an-den-Herd-Politik anrührte, die mit dem neuen Eherecht von 1936 und der Erschwerung der Abtreibung propagiert wurde, lief das politische Fass über.

Das alles ist heute wohl nur noch für Kulturhistoriker nachvollziehbar. Für alle anderen ist die Geschichte der Katerina Ismailowa eher eine Gruselstory, in der eine sich nach körperlicher Liebe und Berührung sehnende junge Frau wie früher in Hollywood-Filmen am Ende mit dem Tod bestraft wird.

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