La Straniera

La Gruberova

Edita Gruberova Foto: Lukas Beck

Edita Gruberova singt in München Bellinis unbekannte Oper "La Straniera"

(München, 5. Juli 2012) Wohl niemand im Publikum hat diese Oper davor jemals live erlebt: Vincenzo Bellinis "La Straniera", komponiert 1829, zwei Jahre vor "Sonnambula" und "Norma", und in München seit der Erstaufführung vor 175 Jahren im Nationaltheater (auf deutsch als "Die Unbekannte") nicht mehr gespielt. Nun hat der kleine private Konzertveranstalter vita e voce mit Christof Loy an einem Strang gezogen und Edita Gruberova dazu bewogen, noch einmal eine große Belcanto-Partie einzustudieren. Konzertant ist "La Straniera" in der Philharmonie nochmals am 9., 12. und 16. Juli zu erleben, danach in Wien und Baden-Baden sowie szenisch – in der Regie von Christof Loy – im Juni 2013 in Zürich.

Isoletta (Sonia Ganassi) ist Graf Arturo di Ravenstel (José Bros)versprochen – die Hochzeitsvorbereitungen sind in vollem Gange -, doch sie fühlt sich von ihm nicht geliebt. Er hat sich in eine geheimnisvolle, verschleierte "Fremde" namens Alaide (Edita Gruberova) verliebt. Sie weist ihn ab, scheint seine Liebe aber zu erwidern. Als sie mit Valdeburgo (Paolo Gavanelli) mutmaßlich eine Flucht vorbereitet, verhindert dies Arturo, nicht ahnend, dass er in Valdeburgo ihren Bruder schwer verletzt, der daraufhin in den See stürzt. Arturo versucht ihn zu retten; die mit dem blutigen Schwert zurückgebliebene Alaide wird als Mörderin und Hexe abgeführt.

Da beide Männer sich aus dem See retten können, wird sie exkulpiert, gibt aber noch immer nicht ihr Geheimnis preis. Arturo heiratet widerwillig Isoletta. Als er während der Zeremonie von der Anwesenheit seiner geliebten Alaide erfährt, stürzt er aus der Kirche – in ihre Arme. Da lüftet der Prior (Sung-Heon Ha) das Geheimnis – als Agnese muss sie den König von Frankreich heiraten. Verzweifelt ersticht sich Arturo. Agnese wird darüber fast wahnsinnig.
 
Bellinis Musik besitzt hier noch nicht die Reife seiner späteren Meisterwerke, aber kennt doch schon ausdrucksvolle Arien und effektvolle Ensembles; auch die Titelpartie ist bemerkenswert vielschichtig komponiert: Schon Alaides erste Töne – eine lange, hinter der Bühne gesungene Vokalise, die in ein zunächst imaginäres Duett mit Arturo übergeht, das schließlich zur Begegnung beider führt – entspringen einer originellen Idee und sind eine Herausforderung für jede Sängerin. Edita Gruberova ist zwar die Älteste unter den vier Sängern der Hauptpartien und doch klingt ihre Stimme leuchtend und focussiert wie eh und je. Die Gruberova wäre nicht Gruberova, hätte sie sich nicht ein paar schöne Kadenzen und hohe Töne in die Partie hineingeflochten. Vor allem die finale Szene bekommt so einen wilden Fieberglanz.

Die Premiere in München – natürlich im ungekürzten italienischen Original mit deutschen Obertiteln – hatte neben Edita Gruberova in der Titelpartie der "Fremden" auch eine Seconda Donna, Mezzo Sonia Ganassi, die nicht minder aufregend sang wie die "Prima Donna Assoluta des Belcanto". Schade, dass die beiden kein Duett miteinander hatten wie in Bellinis "Norma". Denn Ganassi singt präzise Koloraturen, die klangschöne Stimme sitzt perfekt, und enorm ausdrucksvoll gestalten kann sie auch.

Der Arturo des José Bros agierte (beinahe) auf dem Niveau der beiden Damen, sang sich auch zunehmend frei. Über weite Strecken eine herbe Enttäuschung war allerdings Paolo Gavanelli – al fresco hingeworfen die Rezitiative, unschön zerfranst die eitel herausposaunten Spitzentöne. Mit einem solchen hohen Ton "krönte" er auch seine ansonsten sehr ansprechend gesungene Arie im zweiten Akt. Da waren die jungen Männer in den Nebenrollen überzeugender: Sung-Heon Ha (Priore), der rumänische Bass Leonard Bernad als Signore di Montolino und der Tenor Randall Bills (Osburgo, Vertrauter Arturos).

Ebenfalls noch – in den Folgevorstellungen behebbare – Defizite gab es beim Dirigenten Pietro Rizzo, der allzu selten die Musik schweben ließ, die Tempi sehr forsch wählte und auch das "Münchener Opernorchester" nicht immer richtig ausbalancierte, vor allem im Verhältnis zu den vor ihm plazierten Sängern. Und so gut der "Münchener Opernchor", einstudiert von Andreas Hermann auch sang, ein paar Phonstärken weniger hätten es auch getan.

Klaus Kalchschmid
Weitere Aufführungen am 9., 12. und 16. Juli (19.30 Uhr), Philharmonie am Gasteig, München
Allen Gruberova-Fans sei zudem die neue Biographie der Diva von Markus Thiel mit dem Titel "Der Gesang ist mein Geschenk" empfohlen (siehe rechte Spalte).


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