La Straniera Wien

Ein romantischer Krimi

Edita Gruberova als La Straniera Foto: Theater an der Wien

Bellinis selten gespielte Oper "La straniera" musikalisch und szenisch exzellent am Theater an der Wien
Von Derek Weber
(Wien, 22. Januar 2015) Das Theater an der Wien ist für viele Opern des klassischen und romantischen Repertoires der ideale Spielort. Szenisch auf jeden Fall, musikalisch-akustisch in der Regel auch, es sei denn, es geht um die "großen" Opern des französischen Repertoires oder um Wagner. Die Werke des Belcanto sind hier auf jeden Fall gut aufgehoben. Und da man im Stagione-System spielt, kann man sich auch Raritäten leisten, um welche die großen Häuser des Repertoire-Systems einen großen Bogen machen. Und wenn ein Opernhaus wie das Theater an der Wien dazu noch gut dotiert ist, kann es eine Oper zeigen, von der ein vielgelesenes elektronisches Quasi-Lexikon wie Wikipedia kurz und bündig sagt, sie gehöre "nicht zum internationalen Standardrepertoire" und werde "nur selten" gespielt.
Von welcher Oper die Rede ist? Von Vincenzo Bellinis "La straniera". Die hat man als erste Produktion des Jahres 2015 aus Zürich geholt, wo sie 2013 in der Regie von Christof Loy mit Edita Gruberova in der Titelrolle und Dario Schmunck als Arturo herausgekommen war. In Wien wird die Alaide alternierend von der Gruberova und Marlis Peterson gesungen. Auch Schmunck ist – nicht in allen Vorstellungen – mit von der Partie. 
"La straniera", das ist keine Allerwelts-Belcanto-Oper, sondern ein Werk, das – zumal von der Protagonistin – Tiefgang, psychologisches Feingefühl, kurz: Persönlichkeit verlangt. Schwierig ist das umzusetzen. Die "Straniera" ist kein geradliniges Rational-Theater, sondern – Belcanto hin, Belcanto her – eine romantische Oper im Ur-Sinn des Wortes. Anders gesagt: Der Tenor ist von Sinnen, will töten, Selbstmord begehen. Ein rechter Werther-Nachfolger halt, dem man mit Argumenten schlecht beikommen kann.
Die Handlung scheint auf den ersten Blick verworren. Aber wenn ein nachdenkender Regisseur wie Christof Loy sich der Oper annimmt, wird daraus ein romantischer Krimi, bei dem sich Stück um Stück alles aufklärt und nachvollziehbar wird, bis man am Schluss erkennt, worum es eigentlich geht ist und warum wer was macht:
Der vom Librettisten Felice Romano als "feurig" (also wohl sehr emotional und phantasiebegabt) beschriebene Graf Arturo fühlt sich unwiderstehlich zu einer geheimnisvollen Fremden hingezogen, die mit einem schwarzen Schleier vor dem Gesicht herumirrt, verliebt sich stante pede in sie, verläßt seine Braut, die niedliche Isoletta, am Tag vor der Hochzeit, ersticht eifersüchtig einen vermeintlichen Rivalen, der in Wirklichkeit der Bruder der fremden Frau ist. Diese wird bald ihrerseits des Mordes angeklagt, kommt aber frei, weil der vermeinlich tote Bruder vor Gericht erscheint. Arturo wird dazu überredet, seine Braut doch zu heiraten, flüchtet aber aus der Kirche und ersticht sich, als sich herausstellt, dass die Fremde in Wirklichkeit eine Königin ist.
Da ist genug Stoff zum Leiden und Erschrecken, zum Nichts-Verstehen und Aufbrausen drin. Die Gruberova kann das, Dario Schmunck kann es zur Not. Franco Vassallo setzt seinen geschmeidigen Bariton als Valdeburgo (der Bruder Alaidas) gut in Szene und Theresa Kronthaler spielt die unschuldige und konventionelle (und natürlich weiß gekleidete) Braut Isoletta mit gekonnt leidensfähiger Attitüde, unterstützt vom wie immer phantastischen Arnold Schoenberg Chor, der von Christof Loy als aussagefähige Staffage für alle, die fassungslos die Handlung verfolgen, eingesetzt wird.
Und die Stimme von Edita Gruberova? [nächste Seite]


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