La Sonnambula

Opernkritik: La Sonnambula

Charmante Spitzwegerei

Schöner schlafwandeln: Jennifer O’Loughlin als Amina Foto: Thomas Dashuber

Das Gärtnerplatztheater bricht im Prinzregententheater mit famosen Sängern erneut eine Lanze für Bellinis „La Sonnambula“
Von Klaus Kalchschmid
(München, 8. Oktober 2015) Manchmal hat Münchens zweite Oper, das Gärtnerplatztheater, die Nase vorn – und dies hier gleich zweimal hintereinander. Denn die letzte Produktion von Vincenzo Bellinis Meisterwerk „Die Nachtwandlerin“ am Hof- und Nationaltheater datiert von 1866 (!). Erst fast hundert Jahre später (1960) fand ein Gastspiel aus Bellinis Geburtsstadt Catania in den Originalbühnenbildern der Uraufführung von 1831 (im Prinzregententheater) statt. Aber 1978 gab es eine Inszenierung Kurt Pscherers am Gärtnerplatztheater!
Mit Chor und Orchester dieses Hauses, das bis Herbst 2016 wegen Generalsanierung auf Wanderschaft ist, bot man jetzt ebenfalls im Prinzregententheater eine ungekürzte Aufführung nach der revidierten Fassung in der italienischen Originalsprache. Und es war eine rundum gelungene Produktion. Denn mit der wunderbaren lyrischen Koloratursopranistin Jennifer O’Loughlin, die die Münchner schon als Semele, Konstanze und Fiordiligi kennen, sowie dem herrlich höhensicheren, enorm spielbegabten und facettenreich singenden Arthur Espiritu, einem echten Tenore di grazia mit philippinisch-amerikanischen Wurzeln, gab es Protagonisten, die wunderbar diese tragikomische Geschichte tragen; die Geschichte eines Mädchens, das sich am Verlobungstag einem eifersüchtigen Heißsporns als Bräutigam konfrontiert sieht und dann auch noch schlafwandelnd ausgerechnet im Bett eines geheimnisvollen Grafen landet, der ihr eben so unverhohlen zuvorkommend begegnet ist. Bis sich alles am Ende auflöst und Elino seine Amina heiraten kann, gibt es eine Fülle wunderbarer Duette und Arien, die das Seelenleben der Figuren bis ins Innerste durchleuchten. Oft begleitet das Orchester nur sehr sparsam, aber stets mit einer leuchtenden melodiösen Innigkeit und einem sanften Nachdruck in der Expression, dass man am Ende schlicht glücklich ist.
Jennifer O’Loughlin hat nicht nur keinerlei Mühe mit Tongebung, Phrasierung und selbt exorbitanten Höhen, sie vermag bei diesem Rollendebüt auch bereits tief in die Seele eines naiven Mädchens hineinzuschauen, das am liebsten barfuß läuft, irritiert ist, als ihr Bräutigam zu spät kommt und mit dem ersten plötzlichen Eifersuchtsausbruch desselben gar nicht umzugehen weiß. Die Bestimmtheit, mit der sie ihn dann damit konfrontiert, später die Überraschung, wenn sie sich im (Hotel-)Bett des Mannes wiederfindet, der Grund für die Eifersucht war, und ihre tiefe Verzweiflung, dass man nicht an ihre Unschuld – und das Schlafwandeln – glaubt, all das legt die Amerikanerin mit irischen Wurzeln in Spiel und Singen.
Höhepunkt ist die Schlussszene, wenn sie, ihrem hoch oben schwebenden Bett entstiegen und endlich am Boden angelangt, erneut schlafwandelnd ihrer unendlichen Trauer Ausdruck gibt, bis schließlich alles sich doch noch zum Guten wendet und sie über diverse Tische förmlich zu gleiten scheint.
Arthur Espiritu ist ihr in jeder Hinsicht ebenbürtig, sei es mit strahlkräftigem und doch so flexiblem und wandlungsfähigen Tenor oder als hervorragender Schauspieler, der die Eifersucht ebenso gut darstellen kann, wie die in Alkohol ertränkte Verzweiflung, die ihn latent aggressiv werden lässt.
Nicht nur bei O’Loughlin und Espiritu legt Regisseur Michael Sturminger großen Wert auf detailreiche Darstellung. Auch Maria Nazarova verkörpert die Nebenbuhlerin Lisa, einst Elvino versprochen und plötzlich wieder erste Wahl, mit soubrettenhaft leichtem Sopran und herrlicher Fähigkeit zum Slapstick, als sie vor Glück kaum einen klaren Gedanken fassen kann. Anna Agathonos verkörpert eine fürsorgliche Mutter wie aus dem schönsten Heimatfilm, während der junge Maxim Kuzmin-Karavaev als dem schönen Geschlecht allzu zugeneigter Graf Rodolfo mit profundem, schönem Bassbariton punktet, im Spiel leider etwas neben sich steht.
Andreas Donhauser und Renate Martin bieten minutiös malerische Projektionen auf gläsernen Hängern mit raffiniert realistisch fließenden Bächen in Gemälden (Video: Meike Ebert, Raphael Kurig). Darunter schieben sich die Guckkästen der ebenfalls gläsern durchsichtigen Innenräume nach vorne. Vielleicht einen Stich zu verspielt bunt (und weitgehend ironiefrei), aber handwerklich perfekt und phantasievoll sind die Biedermeier-Kostüme à la Spitzweg der beiden. Vor allem der nicht zuletzt im Piano phänomenale Chor sowie der Extrachor des Gärtnerplatztheaters sehen darin filmreif aus.
Marco Comin vermag mit dem exzellenten Orchester des Staatsorchesters am Gärtnerplatz den Sängern der perfekte Begleiter zu sein. Nie fällt die Spannung ab, nie wirkt etwas grob oder massiv. Stattdessen klingt dieser Bellini immer ebenso sanft wie mit zartem Nachdruck modelliert.
Weitere Aufführungen: 12., 14., 17., 20. und 25. Oktober 2015