La Seine Musicale – ein spektakuläres neues Kulturzentrum bei Paris

La Seine Musicale Foto: Laurent_Blossier

Klassik für alle

Mit „La Seine Musicale“ soll bei Paris ein neuer Kultur-Hotspot für alle entstehen. Ein Konzertbesuch mit Haydns „Schöpfung“.

Von Georg Rudiger

(Paris, Mai, Juni 2017) Die Akkorde der Streicher schneiden, die Pauke erschüttert, die Blechbläser bohren sich mit ihren scharfen Liegetönen in den Gehörgang. Das Insula Orchestra spielt unter seiner Dirigentin Laurence Equilbey „Die Vorstellung des Chaos“, den Beginn von Joseph Haydns „Schöpfung“ ohne Vibrato, mit rauem Ton und fahlen Farben. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war ohne Form und leer“, singt Daniel Schmutzhard mit sonorem Bariton, bekleidet mit einer Pluderhose und einem Turban auf dem Kopf.

Haydns Oratorium „Die Schöpfung“, merkwürdig naiv in Szene gesetzt von Carlus Padrissa von der katalanischen Theatertruppe „La Fura dels Baus“, als Teil des Eröffnungsprogramm des neuen Kulturzentrums „La Seine Musicale“ auf der Île Seguin, einer langgezogenen Seine-Insel im Südwesten von Paris. Mit dem Insula Orchestra wurde vor fünf Jahren aber auch ein Klangkörper erschaffen, der dieses Haus als Residenzorchester beleben soll. Endlich durften die jungen Musikerinnen und Musiker einziehen in das spektakuläre Gebäude, das neben zwei Konzertsälen einige Proberäume, Tonstudios und bald auch noch Geschäfte und Restaurants zu bieten hat. Wie ein Ozeandampfer liegt der von den Architekten Shigeru Ban und Jean de Gastines entworfene Bau auf der Insel.

Das ovale, 1150 Plätze umfassende Auditorium, in dem diese „Schöpfung“ aufgeführt wird, ist die Kommandobrücke. Ein rundes Segel aus Solarmodulen, das die gläserne Saalhülle umgibt und mit dem Sonnenstand wandert, sorgt nicht nur für spektakuläre Architektur, sondern auch für eine CO2-neutrale Energiegewinnung.

Vor zehn Jahren war die Seine-Insel noch eine Brache. Das Renault-Werk, in dem hier über viele Jahrzehnte hinweg Autos produziert wurden, hatte man komplett abgerissen. Ein geplanter Museumsbau scheiterte. Mit „La Seine Musicale“ hat die Île Seguin nach nur dreijähriger Bauzeit nun ein neues, markantes Gesicht bekommen. Die 170 Millionen Euro Baukosten wurden zu rund zwei Dritteln vom Département Hauts-de-Seine und zu einem Drittel von einem privaten Firmenkonsortium getragen. Die 120 000-Einwohnerstadt Boulogne-Billancourt, die sich dieses Gebäude leistet, gehört zu den reichsten Städten in Frankreich; viele Firmen und der größte französische Fernsehsender TF1 haben hier ihren Sitz. Mit der Metro braucht man rund eine Stunde von der Pariser Innenstadt. Trostlose Wohnburgen aus der industriellen Vergangenheit stehen hier neben schicken Bürogebäuden. Der Boulevard, der über eine Brücke auf die Insel führt, ist schon belebt. Die Île Seguin selbst wartet noch darauf, entdeckt zu werden.

Es soll ein neuer Kultur-Hotspot entstehen

Mit „La Seine Musicale“ soll hier ein neuer Kultur-Hotspot für alle entstehen. Neben der Klassik im Auditorium gibt es Rockkonzerte und Musicals im großen, 6000 Zuhörer fassenden Saal. Beim Eröffnungskonzert am 21. April 2017 spielte Bob Dylan. Unverputzter Beton verleiht den Fluren und Foyers nüchterne Klarheit. Die großen schrägen Stützsäulen erinnern an ein Schiffsdeck. Wie in der Elbphilharmonie führt eine Rolltreppe zum Auditorium, das noch nach frischem Holz riecht. Yasuhisa Toyota, der die vieldiskutierte Akustik der Elbphilharmonie designte, ist auch hier verantwortlich für den Klang. Statt mit gefrästen Gipsfaserplatten wie in Hamburg ist das runde Auditorium mit einem Geflecht aus Eichenholz verkleidet. Die roten Samtsitze, die mit ihren Wülsten wie Massage-Sessel aussehen und sich auch ein wenig so anfühlen, bieten viel Beinfreiheit und Sitzkomfort. Vor allem aber klingt es rund und warm in diesem schmucken Saal. Die Balance zwischen dem von Laurence Equilbey selbst gegründeten Chor accentus, den drei Solisten und dem Orchester ist ausgewogen. Die instrumentalen und vokalen Klänge mischen sich gut. Und auch die Schärfen, die die Dirigentin herausarbeitet, werden von der Akustik getragen, nicht forciert. Der Versuch, die Schöpfungsgeschichte mit vielen Videoprojektionen (Marc Molinos) ins Heute zu versetzen, erweist sich jedoch als Luftnummer. Dass auch noch das Flüchtlingsthema mit einem im Wasser schwimmenden Statisten in Rettungsweste angeschnitten wird, macht die Produktion nicht plausibler. Auch Adam (präsent in allen Lagen: Daniel Schmutzhard) und Eva (mit lyrischer Wärme: Mari Eriksmoen) müssen ganz ins Wasserbecken abtauchen, ehe sie mit einer Seilwinde herausgezogen werden und tropfend in luftiger Höhe ihr Duett „Holde Gattin, Dir zu Seite“ singen. Glücklicherweise ist die musikalische Qualität durch den Aktionismus auf der Bühne nicht gefährdet. Auch Martin Mitterrutzner als glatzköpfiger Uriel zeigt viel mehr Zwischentöne, als die Regie ihm zugesteht. (Kostüme: Clara Sullà).

Sogar der Blindenhund darf rein

Seine Feuertaufe mit einer szenischen Produktion hat „La Seine Musical“ jedenfalls bestanden. Und das überdurchschnittlich junge Publikum zeigt, dass bei Kartenpreisen von 10-60 Euro und einer interessanten Location Klassik nicht elitär sein muss. Selbst ein Blindenhund darf bei der Premiere auf der Saaltreppe Platz nehmen. Es geht hier nicht um Etikette, sondern um das Erlebnis Musik. Vermittlung hat sich das Insula Orchestra sowieso auf die Fahnen geschrieben. Es gibt viele Mitmachprojekte, Konzerte und Veranstaltungen für Kinder. „La Seine Musical“ soll ein offenes Haus für die ganze Bevölkerung werden. Das könnte klappen.

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.