La finta giardiniera

Podesta fährt elektrisch

Anna Stylianaki, Mauro Peter Foto: A.T.Schaefer

Die Bayerische Theaterakademie zeigt Mozarts frühe Oper "La finta giardiniera"

(München, 10. November 2011) Vorspiel auf dem Theater: Ein vermeintlich hintergangener Graf rückt seiner vermeintlich untreuen Verlobten handfest zu Leibe, malträtiert sie mit Händen und – äußerst unfein – sogar mit Füßen. Vorhang zu. Der beherzte Übergriff des aufgebrachten Grafen endet (vermeintlich) tödlich. Komisch ist das nicht. Trotzdem ist es die Vorgeschichte von Mozarts frühem Dramma giocoso "La finta giardiniera", die der 19jährige Wundermusiker aus Salzburg 1775 für den Münchner Hof komponiert hat. Buffonesk wird es, weil das vermeintlich tote Opfer doch nicht tot ist und unter fremder Identität als Gärtnerin am Hof des Don Anchise, genannt Podesta, arbeitet und sich daraus schließlich allerhand Verwechslungen und Komplikationen ergeben. Denn natürlich will ausgerechnet dort ihr Ex-Geliebter mit seiner neuen Braut Hochzeit feiern. Darüber hinaus gibt es noch einige andere Paare, die nicht zusammenkommen können oder wollen, usw., usf. Schließlich kommt es zu einem heillosen Durcheinander – das sich am Ende in allgemeinen Wohlgefallen auflöst.

Regisseurin Lydia Steier hat die Vorgeschichte, die Eifersuchtshandgreiflichkeit, als Theater auf dem Theater zur Ouvertüre inszeniert – eine Art Rokoko-Puppenspiel mit kleinwüchsigen Darstellern, die später als lebendige Statuetten immer wieder in die Handlung der Oper eingreifen, Zauberwesen, als wären sie dem "Sommernachtstraum" entsprungen. Eine hübsche Idee, wie auch der im Ballon anreisende Graf Belfiore oder der in einem grotesken, elektrisch betriebenen Sonnenwagen umherfahrende Podesta (Bühne: Peter Nolle), bei dem die "Gärtnerin" arbeitet und der sich – ein Pantalone-Typ – in eben diese Gärtnerin einigermaßen chancenlos verguckt hat.

Podesta auf seinem Fliwatüt mit Elektromotor Foto: A.T.Schaefer

Leider verfällt Lydia Steier trotz vieler guter Einfälle zu oft in plattes Chargentheater. Das hat vor allem Podesta zu erleiden, der auch gesanglich nicht wirklich überzeugen kann (Felix Schrödinger). Stimmliche wie darstellische Prägnanz, das nötige Fingerspitzengefühl für den Witz im Detail zeigen dagegen Mauro Peter als herrlich dekadenter Graf Belfiore (mit ganz ausgezeichnet geführter Tenorstimme – eine Entdeckung!) und Anna Stylianaki als nicht minder abgedrehte Arminda. Beide beeindrucken zusätzlich durch ihre wunderbaren Rokokokostüme, die sie aussehen lässt, als wären sie Porzellan-Figuren (Kostüme: Thomas Kaiser).

Dafni Georgali in der Titelrolle ist stimmlich wie darstellerisch mitunter ein wenig unsicher, aber gewiss ein Talent. Eine sichere Karriere kann man der Sopranistin Katharina Ruckgaber (Serpetta) prophezeihen. Hier paart sich Spielfreude mit einer quirligen, überaus ansprechenden Stimme. Ludwig Mittelhammer als kreuzbraver Nardo, mit dem Serpetta ihr trickreiches (Liebes-)Spiel treibt, ist ebenfalls ein veritables Theatertalent. Im karikaturistischen Liebesständchen wechselt er flugs mal eben ins Countertenorfach oder singt auf bayerisch und schuhplattelt dazu – ein herrlicher musikalischer Einfall, wie überhaupt immer wieder groteske Einfälle aus dem Orchester dringen. Eine sehr ansprechende Leistungen bot auch Dorothea Spilger als Ramiro – eine Nebenfigur, der Mozart aber ganz besondere Arien und Passagen komponierte und ihn als Liebesopfer zu einer empfindungsreichen Hauptfigur macht.

Der für den erkrankten Leiter des Münchner Kammerorchesters Alexander Liebreich in den Endproben eingesprungene Joachim Tschiedel nimmt sich die Freiheit, an wenigen, dafür durchaus geeigneten Stellen den Notentext etwas zu verändern oder zu ergänzen – Mozart hätte sicher seine helle Freude daran gehabt. Auch sonst leitet Tschiedel engagiert und mit Umsicht, wobei man sich noch ein wenig mehr Durchformung im Detail wünschen würde.

Robert Jungwirth

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