La Favorite

Glaube, Liebe, keine Hoffnung

Elīna Garanča und Matthew Polenzani Foto: Anne Kirchbach

Nach 100 Jahren erstmals wieder szenisch an der Bayerischen Staatsoper: „La Favorite“ von Gaetano Donizetti mit Elīna Garanča und Matthew Polenzani
Von Klaus Kalchschmid
(München, 23. Oktober 2016) Zur zündenden, vielteiligen Ballettmusik von Gaetano Donizettis „La Favorite“ in der ungekürzten französischen Originalfassung am Nationaltheater schauen sich König Alphose XI (alias Mariusz Kwiecien) und seine Mätresse Léonor (Elīna Garanča) einen für das Publikum unsichtbaren Film an, und wir können die Reaktionen der beiden auf die flimmernden Bilder beobachten. Sie kichert in sich hinein, blickt neutral oder wendet die Augen angewidert ab; er spielt alles wie von der Tarantel gestochen mit: ob Schattenboxen oder grimassierendes Schenkelklopfen, irres Lachen oder Anfeuern wie im Kasperle-Theater. Das ist genauso rasend komisch wie zuvor die Szene, wenn der König in einer stummen Szene plump und handgreiflich mit der schönen, unnahbaren Frau in aller Öffentlichkeit flirten will und sie ihn nur genervt auf Abstand hält, bis es ihr zu viel wird mit den Zudringlichkeiten und sie ihm eine knallt. Das fixt ihn nur noch mehr an und zur unmittelbar folgenden Stretta seiner Arie ist er nur noch mehr erotisiert und explodiert singend. Mariusz Kwiecien hat sichtbar Spaß daran, Alphonse als dümmlich jungen- und machohaft darzustellen und testosteron-gesteuert baritonal auftrumpfend zu singen, während Elīna Garanča im Hosenanzug leise die Emanzipation probt.
Dass Amélie Niermeyer vom Schauspiel kommt und viel am Residenztheater arbeitete, aber auch schon mehrfach erfolgreich Oper inszeniert hat – darunter hervorragend Mozarts „Titus“ und Verdis „Rigoletto“ am Salzburger Landestheater – sieht man solchen Szenen an, die ebenso präzise wie mehrdeutig Charaktere zeichnen. Sie nimmt Plot und Musik ebenso ernst wie sie beides auch immer wieder ironisiert, etwa wenn die Partitur von 1840 knackig wie Jacques Offenbach klingt.
Die Geschichte spielt im 14. Jahrhundert, beginnt im Kloster von Santiago di Compostela und findet dort sein grausames Ende. Denn der Novize Fernand (Matthew Polenzani) verlässt den Orden für die Liebe zu einer Frau, die er kaum kennt. Niermeyer zeigt die schüchterne Annäherung der beiden und das Sich-immer-wieder-voneinander-Lösen während der Ouvertüre. Doch er weiß nicht, dass sie die Mätresse des Königs ist. Der erfährt von einem Spitzel (Joshua Owen Mills mit blondem Seitenschopf als herrlich öliger, tenoral schleimender Don Gaspard), dass Léonor einen Geliebten hat, dessen Identität sie allerdings nicht preisgibt. Als Fernand zum Lohn für seine militärischen Erfolge um ihre Hand bittet, erkennt der König nicht nur seinen Nebenbuhler, sondern wittert die Chance, Léonor, die der Kirche – verkörpert durch den Mönch Balthazar (ein balsamischer Bass: Mika Kares) – ein Dorn im Auge ist, loszuwerden. Also ordnet er die sofortige Eheschließung an. Niermeyer inszeniert die Zeremonie treffend als brutales Spießrutenlaufen der beiden zwischen den Männern und Frauen (in eleganter roter Spitze) des Chores, die die beiden verspotten. Weil ein Brief ihrer Dienerin Inès (mit jugendlichem Sopranglanz: Elsa Benoit) abgefangen wurde, erfährt Fernand erst jetzt von der Vergangenheit Léonors, verstößt sie, fordert Satisfaktion vom König und geht zurück ins Kloster.
Im dramaturgisch und musikalisch ungeschickt lange retardierenden vierten Akt legt Fernand sein Gelübde ab und stößt die als Mann verkleidet im Kloster Schutz suchende Léonor zunächst zurück, bevor er ihr verzeiht und mit ihr fliehen will. Doch die Geschwächte stirbt, ohne dass Fernand sie ein letztes Mal berührt, obwohl sie ihm sterbend die Hand reichen möchte. Verzweifelt kündigt er indirekt seinen baldigen Suizid an.
Elīna Garanča und Matthew Polenzani sind das ungleiche Paar, dem man durchaus ansieht, dass sie nicht zusammenkommen werden: sie die elegante, blonde Schönheit mit der sinnlich üppigen, schönen, gehaltvollen Stimme; er der bebrillte Intellektuelle, der naiv in die Welt stolpert, aus der er sich doch ins Kloster zurückziehen wollte. Je mehr das Ganze in die Katastrophe gleitet, desto mehr glüht sein Tenor in durchaus auch mal fahlen, klanglich angerauhten Tönen, was dem Charakter etwas schillernd Dringliches gibt.
Niermeyer inszeniert das Ganze in einem variablen Einheits-Bühnenbild (Alexander Müller-Elmau), das neun hohe, fahrbare Metall-Konstruktionen bilden, die den Raum verengen oder erweitern, aber hinter denen auch überflüssigerweise Marien-Statuen und ein Christus am Kreuz lebendig werden können. Zwar verweist die Regisseurin immer wieder auf den klerikalen Hintergrund vieler Szenen durch entsprechende Accessoires – kleine Kreuzchen am Revers etwa und bigottes Beten -, aber großteils neutrale Anzüge und Kleider, anfangs auch elegante Hosenanzüge für die Frauen (Kostüme: Kirsten Dephoff), verorten das Geschehen im Heute.
Karel Mark Chichon wagt am Pult des Bayerischen Staatsorchesters die Quadratur des Kreises: Er dirigiert zugleich italienische Brio, wie er französische Verve und Clarté wirken lässt. Das ist die rechte Mischung für diese Oper, auch wenn manchmal – vor allem im Schlussakt – ein wenig die Spannung durchhängt.    
Als kostenloser Video-Livestream ist die Vorstellung am 6. November (18 Uhr) auf www.staatsoper.de/tv zu erleben.



Münchner Philharmoniker


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