La fanciulla del West von Puccini in München

La fanciulla del West

Whisky und Knarre – Realismus trifft Oper

Nach 80 Jahren wieder an der Bayerische Staatsoper: Puccinis „La fanciulla del West“ – zum ersten Mal in der Originalsprache

Von Klaus Kalchschmid

(München, 16. März 2019) 1940 war die letzte Neuinszenierung am Nationaltheater in München, jetzt ist Puccinis 1910 für New York komponiertes „Mädchen aus dem Goldenen Westen“ (der italienische Titel verschweigt das Gold der dramatischen Vorlage „The Girl of the Golden West“) endlich wieder an der Bayerischen Staatsoper zu erleben und dies in einer rundum gelungenen Produktion.

Andreas Dresen, Sohn des Theater- und Opernregisseurs Adolf Dresen, ist als exzellenter Filmregisseur („Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“, „Wolke 9“, „Halt auf freier Strecke“, „Als wir träumten“, „Gundermann“) bekannt gewordenen. Von seinen bislang erst vier Arbeiten für die Oper sind zwei an der Bayerischen Staatsoper herausgekommen. Nach „Arabella“ von Richard Strauss vor drei Jahren widmete er sich nun mit viel Liebe zum Detail der vielleicht am meisten verkannten Oper Puccinis. Ihre Handlung ist nur auf den ersten Blick kolportagehaft: Eine Geschichte aus dem Wilden Westen mit – sieht man von der Indianerin Wowkle ab, die als Bedienstete eine kleine Nebenrolle spielt – nur einer tragenden weiblichen Rolle inmitten eines Haufens mehr oder minder ungeschlachter Männer. Diesen Bergleuten schenkt sie Whisky aus und liest ihnen aus der Bibel vor, tröstet, wann immer nötig, und zumindest ein paar von ihnen hätten gerne ein wenig mehr, machen ihr Geschenke; sie aber spart ihren ersten Kuss auf für den Mann, der dann plötzlich vor der Tür steht. Sie war ihm schon einmal begegnet und beide haben einander nicht vergessen.

Die Personenkonstellation ist ähnlich der von „Tosca“: Hier die edle, opferbereite Frau (Minnie). Dort der Tenor singende Outcast (Dick Johnson alias der Dieb Ramerrez), der sich in die Frau verliebt und umgekehrt, sowie ein Sheriff (natürlich ein düsterer Bariton), der nichts anderes im Sinn hat, als mit Recht und Ordnung auch sein erotisch-sexuelles Verlangen durchzusetzen – notfalls mit Gewalt. Doch in der „Fanciulla“ wird buchstäblich gepokert: Minnie gewinnt (durch Falschspiel!) und der geliebte Wegelagerer kommt frei – fast. Denn am Ende wird er dem Strang überliefert, aber erneut ist es Minnie, die von den Männern mit Erfolg Mitleid und Verzicht einfordert.

Puccinis nahezu durchkomponierte Oper enthält keine „Nummern“ bis auf eine kleine Arie; auch das leidenschaftliche Duett zwischen Minnie und Johnson im zweiten Akt flackert nur kurz ekstatisch auf. Umso intensiver und düsterer, aber auch sehr fein abgetönt wetterleuchtet es aus dem Orchester unter einem souveränen James Gaffigan, der mit Rücksicht auf die Sänger allerdings die Phonstärken manchmal etwas reduzieren müsste.

Präzise eingefangen ist musikalisch wie szenisch schon die explosive Stimmung in der Kneipe zu Beginn. Da treffen sich die Bergleute nach der Arbeit bis schließlich mit dem Auftritt Minnies buchstäblich die Sonne aufgeht. Anja Kampe singt und spielt mit jugendlich-dramatischer Leuchtkraft eine Frau, die weiß was sie will und sich in einer rüden Männerwelt behauptet, in der die Messer locker sitzen und jemandem schon der Galgen droht, wenn er beim Spiel betrügt. Und doch, oder gerade deshalb, sehnt sie sich nach der großen Liebe. So bietet sie den Avancen des Sheriffs (John Lundgren singt und spielt mit flexiblem, schönem Heldenbariton in jeder Hinsicht breitbeinig) ebenso Paroli, wie sie zutiefst enttäuscht ist, dass ausgerechnet der Mann, dem sie ihren ersten Kuss schenkte, sie nach Strich und Faden belogen hat: Brandon Jovanovich ist als Baum von Mann mit bronze-glühendem Tenor als Dick Johnson alias Ramerrez eine Idealbesetzung, Licht- und Schattenseiten eines Charakters diffizil beleuchtend.

Andreas Dresen tut gut daran, dass er alle Wild-West-Klischees vermeidet und die Geschichte in einem Arbeitslager, einer Grube von heute spielen lässt und dabei alles mit filmischer Genauigkeit und enormer physischer Präsenz aller Beteiligten inszeniert. Die Bayerische Staatsoper kann die vielen kleinen und mittleren Männerrollen hervorragend besetzen wie Nick (Kevin Conners), Sonora (Tim Kuypers), Sid (Alexander Milev), Joe (Freddie De Tommaso) oder Oleg Davydov (Billy), um nur einige wenige stellvertretend zu nennen. In dieser Welt der Bergleute ist der Bar-Tresen aus Stahlträgern gebaut, riegelt Stacheldraht die Bühne nach hinten ab; eine Treppe verbindet Innen- und Außenwelt. Inmitten von Tarnanzügen, schwarzen und braunen Lederjacken gibt es kaum eine helle Farbe außer dem Hellblau von Minnies Bluse, mal einer rote Mütze oder der rotgelb leuchtenden Tasche des Postboten (Ulrich Reß) mit den heiß ersehnten Briefen aus der fernen Heimat (Kostüme: Sabine Greunig). Im zweiten Akt trotzt Minnies winzige Hütte im leeren Raum nicht nur dem Schneesturm, bevor die Bühne am Ende eine Schräge ist und der Himmel sich schließt wie eine gigantische Schere (Bühne: Mathias Fischer-Dieskau). Statt in die Ferne zu gehen, treten Minnie und Dick vor den sich schließenden Vorhang einer ungewissen Zukunft entgegen.

Die Vorstellung am Mittwoch, den 20. März 2019 (19 Uhr), wird kostenlos auf www.staatsoper.de übertragen.

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