La Clemenza di Tito in Salzburg

Keine Lust mehr aufs Regieren

Peter Sellars bietet eine ernüchternd aktuelle Sicht auf Mozarts „La clemenza di Tito“ in Salzburg unter tatkräftiger Mithilfe von Teodor Currentzis

Von Robert Jungwirth

(Salzburg, 30. Juli 2017) Wäre Nikolaus Harnoncourt noch am Leben und einsatzfähig gewesen, hätte womöglich er die Eröffnungsoper der diesjährigen Salzburger Festspiele dirigiert. Nun aber stand gewissermaßen einer seiner musikalischen Ziehkinder im Graben der Felsenreitschule. Und was für einer! Auch wenn Teodor Currentzis nie bei Harnoncourt im engeren Sinn studiert hat, baut er bei seinen Interpretationen barocker oder klassischer Musik wie selbstverständlich auf Harnoncourts wegweisenden Vorarbeiten auf dem Gebiet der historischen Aufführungspraxis auf. Und wie Harnoncourt hat sich auch Currentzis ein auf ihn eingeschworenes Ensemble aufgebaut: seine MusicAeterna aus dem sibirischen Nowosibirsk (von dort zogen die Musiker mit Currentzis weiter nach Perm). Sogar bis dorthin reicht die frohe Botschaft von Darmseiten und Holzflöten. Und wie Harnoncourt ist Currentzis ein Feuerkopf, ein Besessener, der für die Sache brennt, in jedem Stück, in jedem Takt. Insofern ist die russische Grieche genau der Richtige an diesem Ort zur Eröffnung der neuen Intendanz von Markus Hinterhäuser.

Mit Currentzis, der damit bzw. mit einem der Oper vorgelagerten Mozart-Requiem bei der Ouvertüre spirituelle (Besprechung auf KlassikInfo.de) sein Salzburg-Debüt gab, setzt Hinterhäuser ein Zeichen, wie man es von ihm auch nicht anders erwartet hat. Seine Auffassung von Festspielen, ja von Kunst und Musik generell ist geprägt von der Dringlichkeit und existenziellen Bedeutsamkeit von Kunst, in keinem Fall von einer bloß schmückenden oder unterhaltenden Dreingabe zum „richtigen“ Leben.

Insofern war auch die Wahl des Regisseurs für Mozarts Titus nur konsequent und richtig. Peter Sellars, der in Salzburg mit seinem „Saint Francois“ von Messiaen im Jahr 1992 und „L’amour de Loin“ 2000 von Saariaho noch in bester Erinnerung ist, ist mehr ein Theatererfinder denn ein Regisseur im eigentlichen Sinn. Die Stücke gehen durch ihn hindurch und kommen leicht verändert, aber mit einer persönlichen Dringlichkeit wieder heraus. So auch beim „Titus“, diesem oft belächelten späten Auftragswerk über die arg strapazierte und belobigte Milde eines hintergangenen Herrschers. Sellars mußte bei Titus an Nelson Mandela denken, der frühere Gegner zu Mitregenten gemacht hat. Doch Sellars geht noch weiter und lässt den römischen Kaiser am Ende auf seinen Thron und sogar sein Leben verzichten. Er vergibt zwar seinen Widersachern den Anschlag auf ihn, aber er hat die Lust am Regieren und am Leben, den Glauben an wahre Freundschaft und Treue verloren.

Russel Thomas und Willard White Foto: Anne Kirchbach

In einem beängstigend aussehenden Krankenbett mit Schläuchen und Infusionslösungen, das auf der riesigen Bühne der Felsenreitschule (George Tsypin läßt sie bis auf ein paar seltsame Plastikstelen weitgehend leer) reichlich grotesk aussieht, wirft er sich krampfartig herum, reißt sich die Schläuche heraus und läßt sich schließlich aus dem Bett fallen. So folgt dem kurzen Jubelchor hier noch ein gedämpfter Chorsatz aus der „Maurerischen Trauermusik“. Zuvor hatte Currentzis schon immer wieder Teile der c-Moll-Messe in die Oper eingestreut (gesungen vom wie immer phantastischen MusicAeterna-Chor, einstudiert von Vitaly Polonsky). So wie Sellars geht auch der Dirigent recht frei mit dem Werk um, läßt Übergänge am Fortepiano (für die Rezitative) improvisieren oder setzt spannungsvolle Pausen, wo keine sind. Überhaupt reizt Currentzis die Dramatik der Musik mit seinen Rubati maximal aus. Das Glänzende, Herrscherliche in der Musik tritt hingegen weitgehend zurück.

Die Beweggründe für die Verschwörung gegen Titus werden indes in der Inszenierung kaum recht plausibel in dem Tumult aus Choristen auf der Bühne, die Flüchtlinge in einem Lager sind, viele mit Kopftuch in einfacher Kleidung. Das wirkt schon kurios, wenn dieser Chor dann „Kyrie eleison“ singt…Von Polizei mit Maschinenpistolen werden sie in Schach gehalten. Titus heißt sie willkommen, er ist ihr Held. Sellars hat übrigens eine eigene, sehr freue Libretto-Übersetzung erstellt, quasi nach seiner Inszenierung, die im Programmheft abgedruckt ist. Russel Thomas singt ihn mit beinahe heldischem Tenor. Vom Lyrismus anderer Interpreten ist das ziemlich entfernt, dafür klingt es markant. Den Attentäter Sesto – ebenfalls ein Flüchtling- (mit überragender stimmlicher Ausdruckskraft und Sonorität: Marianne Crebassa) sieht Sellars als fanatisierten Terroristen, wie wir sie seit einigen Jahren auch in Europa kennen. Verwirrte und verirrte Einzeltäter mit mangelndem Selbstwertgefühl.

Marianne Crebassa und Russel Thomas Foto: Anne Kirchbach

Golda Schultz ist Vitelia, die Anstifterin, Christina Gansch die Servilia, Jeanne DeBique Annio und Willard White Publio. Sie alle sorgen für ein hohes, gleichwohl nicht wirklich außergewöhnliches stimmliches Niveau. Musikalisches Highlight der gesamten Oper ist Sestos große Arie des 1. Akts mit Klarinetten-Begleitung. Florian Schüle (der nicht im Programmheft erwähnt wird) spielt das auf der Bassettklarinette – während er gleichzeitig Sesto auf der Bühne umtänzelt – mit einem derart innigen und warmen Ton, dass man es schier nicht glaubt, was man mit diesem Instrument so anstellen kann – wenn man es denn kann!

„Gewaltakte resultieren aus Problemen, um die sich niemand gekümmert hat“, sagt Sellars – und nicht nur der. Nach dem Attentat in der Oper legen die Menschen Blumen und Kerzen am Tatort für Titus nieder – wie bei den Anschlägen von Paris, Nizza oder Berlin. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als den Hass mit Liebe zu bekämpfen. Auch das sagt Sellars. Dennoch gibt es bei ihm kein happy end.

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