La Boheme an der Komischen Oper

Die Gier nach Leben

Barrie Kosky inszeniert Puccinis „La Bohème“ an der Komischen Oper

Von Bernd Feuchtner

(Berlin, 27. Januar 2019) Was macht man in der „Bohème“ mit dem Ofenrohr? Fünf Meter in die Höhe, dann zwanzig Meter nach rechts über die Bühne? Aber ohne Kanonenofen geht „Bohème“ ja nicht. Die Künstler-WG unterm Dach friert erbärmlich und verfeuert halbe Romane. Rufus Didwiszus lässt die Bühne offen und kahl, an der Rückwand hängen verblasste Daguerrotypien, er setzt die Dachstube auf ein eisernes Podest und nutzt das Ofenrohr als Aufhängung für seine Hintergrundprospekte: Maler Marcello ist auf Fotografie umgestiegen. So wird die Zeit des Umbruchs angezeigt, in der dieses Stück spielt.

Der Schriftsteller Henri Murger hatte die Szenen seines Bohème-Lebens ein halbes Jahrhundert vor Puccini verfasst – er war schon im Jahr 1861 mit 38 gestorben. Doch Puccini meint seine eigene Zeit und hatte nicht vor, davon ein rosiges Bild zu zeigen. Alle seine Opern sind realistisch, höchstens inkompetente Interpreten machen sentimentale Schmachtfetzen daraus. In der Komischen Oper stehen vier Jungs auf der Bühne, die vor allem Spaß haben wollen, auch wenn das mit der Kunst bisher so wenig gezündet hat wie der Ofen. Aber sie haben den Funken in sich: Junior Dániel Foki als Schaunard ist der Clown vom Dienst, singt aber wundervoll, ohne sich besonders anstrengen zu müssen, ein Fehler, dem Günter Papendell bei seinem Marcello anfangs erliegt, den er aber bald überwindet, und Philipp Meierhöfer ist ein nobler Colline, soweit das in dieser Runde möglich ist, und singt eine schöne Mantelarie. Jonathan Tetelman ist ein Rodolfo mit Strahlestimme, der auch noch eine blendende Bühnenerscheinung darstellt.

Eine andere Frage ist immer: Was macht man mit Benoît, dem peinlichen Hausbesitzer, der die Miete einfordert (deshalb heißt die Musical-Version „Rent“)? Barrie Kosky hat sie genial gelöst: Die vier Bohémiens spielen den Vermieter selbst, mit verteilten Rollen: Wer den Hut aufhat, ist Benoît. Das ist die Stärke der Komischen Oper: Es wird gespielt auf Teufel komm raus, die Show ist quicklebendig. Kosky hat Harry Kupfers „Bohème“ noch hier gesehen und weiß, was ihn mit der ersten nicht-deutschen Inszenierung erwartete.

An Jonathan Tetelman, dem einzigen Gast des Abends, schieden sich die Geister der „Spezialisten“ ebenso wie an Nadja Mchantaf, seiner heißgeliebten Mimí – bei diesem Paar hat jeder etwas im Ohr, das ihn zu hindern scheint, das zu genießen, was gerade von der Bühne kommt. Und das ist eine Menge: Tetelman und Mchantaf singen ein Paar, dessen Liebe eingeschlagen hat und die leuchtet. Mchantaf zappelt vielleicht ein wenig zu viel mit den Füßen, um Jugendlichkeit zu demonstrieren, und anfangs zappelt ihre Stimme mit, doch das Vibrato gibt sich und dann wirkt sie auch weniger Psycho.

Fabelhaft der fliegende Umbau zum zweiten Akt: An der Rampe springt aufgeregt der Chor, während dahinter die Drehbühne aufgebaut wird für einen Rummel, der sich gewaschen hat. Es ist ja unglaublich, was in diesen siebzehneinhalb Minuten alles passiert – und kaum sind sie vorübergerast, ist die Bühne auch schon wieder leergeräumt. Keine Kindersoldaten marschieren auf, sondern die gesamte Besetzung walzt auf uns zu. Dieser Akt zeigt die Gier nach Leben, die diese Menschen antreibt. Sie trotzen der gesellschaftlichen Misere jedes Gramm Vergnügen ab und schonen dabei weder sich noch andere. Jeder will seine Individualität ausleben. Und versagt dann, wenn es nötig ist, Empathie zu zeigen. Die Künstler sind dafür besonders sensible Seismographen, deshalb schlägt die Misere bei ihnen umso härter durch. Es ist die pure Verzweiflung, die all diese Erscheinungen hervortreibt.

Und das zeigt sich in den letzten beiden Akten. Da ist alles kalt und leer und die jungen Menschen kämpfen um ihr Leben, um ihre Träume, um ihre Lieben. Und das tun sie allesamt als glaubhafte Charaktere. Nur eine schlägt alle: Vera-Lotte Bäckers Musetta singt und spielt völlig frei und ohne Krampf, und sie ist es auch am Ende, die am menschlichsten handelt. Eine wunderbare Stimme hat sie obendrein und die Koloraturen kommen ganz natürlich – wie bei einer so künstlichen Person sich das eben gehört.

Bewundernswert auch, wie das Orchester der Komischen Oper den ganzen Abend beherrscht. Jordan de Souza zieht die Spannungslinien, lässt die Musiker in allen Farben sprühen, bald hauchzart, bald auftrumpfend, wie es gerade verlangt ist. Denn Puccinis Orchester ist es, das die ganze Geschichte erzählt und die Sänger trägt. Dieser Dirigent hält alles zusammen und im Fluss, dramatisch, poetisch, flexibel. Und deshalb geht dem Zuschauer das Schicksal der hyperaktiven Bühnenfiguren dann doch noch unter die Haut. Man hat sogar von mancher Träne im Saal gehört.

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