Kunst ist der Spiegel unserer Seele

Joyce DiDonato als Semiramide Foto: W. Hösl

Joyce DiDonato als Semiramide Foto: W. Hösl

Die amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato ist der Star in Münchens Neuinszenierung von Rossinis „Semiramide“ an der Bayerischen Staatsoper. Im Interview erzählt sie von ihrer Sicht auf diese männermordende Figur und warum Santa Fe eine ganz besondere Stadt für Oper ist.

KlassikInfo: Frau DiDonato, die Opern Rossinis bilden einen gewissen Schwerpunkt in ihrem Repertoire. Semiramide ist seine späte Oper Rossinis. Wie würden Sie die Musik dieser Oper charakterisieren?

Di Donato: Mich erinnert sie ein wenig an Mozarts Idomeneo – beide Komponisten haben zunächst das Genre vorangebracht und wollten dann aber wieder zu einer klassischeren Form zurückkehren. Semiramide wird so quasi zu einer Art Denkmal, viele sagen ja, dass sie die letzte Barockoper sei. Das Barocke steckt in einer klassischen Form. Die Verzierungen und der Ausdruck des Belcanto seiner anderen Kompositionen fehlen allerdings. Es kommt einem vor wie eine grandiose Hymne an diese Kunst. Die riesige dramatische Geschichte. Und das spiegelt sich ganz und gar in dieser großartigen, erhabenen Musik wider.

KlassikInfo: Sie sind seit vielen Jahren eine der berühmtesten Rossini-Sängerinnen unserer Zeit. Die Partie der Semiramide singen Sie erst jetzt zum ersten Mal auf der Bühne. Warum so spät?

Di Donato: Ich denke, sie kommt gerade zur rechten Zeit, denn es passt zu meiner Entwicklung im Rossini-Repertoire und in meiner Karriere. Ich habe mit Rosina und Cenerentola angefangen. Und in Pesaro habe ich eine kleine Rolle in einem Rossini-Einakter gesungen. Dann bin ich sozusagen aufgestiegen zur Elena in La donna del lago. Und jetzt scheint mit der Semiramide mein Ziel erreicht zu sein. Ich bin sehr froh, dass ich diese Partie nicht schon früher gesungen habe. Denn inzwischen habe ich mich intensiv mit der tragischen Welt der Donna del lago beschäftigt und eine Menge über den dramatischen Rossini gelernt. Davor kannte ich nur den heiteren Rossini. Ich fühle mich deshalb künstlerisch und stimmlich an dem Punkt, diese Figur darzustellen.

KlassikInfo: Ist Semiramide eher die eiskalte Verbrecherin, oder ist sie vielleicht auch selbst ein Opfer der Machtbesessenheit ihrer Umgebung?

Di Donato: Ich denke, dass es eine Mischung von beidem ist. Sie ist keinesfalls zweidimensional. Sie ist kein reines Monster und nur machtbesessen. Man merkt vom ersten Augenblick an, dass sie sich verfolgt fühlt. Ihre ersten Worte sind: „Ich zittre, ich habe Angst“. Sie ist voller Schuldgefühle und trotzdem klammert sie sich an der Macht fest. Wahrscheinlich glaubt sie, so davon zu kommen. Arsace steht für diese Möglichkeit, all dem Schrecklichen zu entfliehen und ein neues Leben zu beginnen. Sicher ist sie ist in diese Situation wegen ihrer Machtgier geraten. Aber jetzt interessiert sie das nicht mehr. Sie will ein neues Leben als Frau anfangen. Wenn sie tatsächlich ein eiskaltes Monster wäre, dann wäre ihre Szene im Finale, wenn sie um Vergebung bittet, nicht denkbar. Sie ist eine sehr leidende, psychologisch komplizierte Frau voller seelischer Qualen.

KlassikInfo: Ist das auch in der Musik von Rossini so komponiert?

Di Donato: Absolut. In ihrem Gesang ist immer eine gewisse trotzige Haltung, besonders im Finale des 1. Aktes. Sie denkt, sie hat ihre Probleme irgendwie im Griff. Das verkündet sie öffentlich. Diese Musik hat etwas Aufsässiges, aber man spürt keinen offenen Triumph. So wie wir es in Donna del lago oder Cenerentola hören können. Nicht einmal ihre erste Arie „Bel raggio lusinghier“ klingt triumphierend. Manchmal wird sie eher leichtfertig und heiter gesungen. Ich glaube nicht, dass das so sein sollte. Sie will sich eher eine neue Zukunft konstruieren. Aber bisher ist diese noch nicht angebrochen. Es ist eine mehrdeutige Arie. Das kann man hören, ihre Gedanken verändern sich ständig. Dann ist schier besessen von der Vorstellung, dass alles so zu geschehen hat. All das gehört zu dieser instabilen Persönlichkeit.

KlassikInfo: Die Partie der Semiramide hat Rossini für seine Frau, die berühmte Sängerin Isabella Colbran geschrieben, die auch die Uraufführung gesungen hat. Sie haben Isabella Colbran ja auch eine ganze CD gewidmet – haben Sie ein wenig erforscht, wie ihre Kollegin im 19. Jh. gesungen hat – Tonaufzeichnungen gab es ja leider noch nicht?

Di Donato: Nein, das habe ich nicht. Es gibt eine Kuriosität über ihre Geschichte. Ihre Stimme soll sich ja recht schnell verschlechtert haben. Zum Zeitpunkt der Semiramide muß es wohl schon recht schlimm gewesen sein. Sie hat auch nicht mehr alle Vorstellungen geschafft. Diese Partie konnte sie einfach nicht mehr singen. Ich frage mich, wieso Rossini eine solch anspruchsvolle Partie für sie geschrieben hat. Er hat offensichtlich erwartet, dass sie sie noch singen kann. Ich kann mir nicht erklären, warum es so ausgegangen ist.
Aber ich würde sie nicht imitieren wollen. Sie bleibt ein Rätsel für mich. Rossini hat ja immerhin diese wahnsinnig schwierige Musik mit einem unglaublichen Stimmumfang für sie geschrieben. Für mich wäre es eher eine Qual, wenn ich versuchen würde, sie nachzuahmen. Ich kann es so singen, wie es meiner Stimme entspricht. Sie hatte ganz eindeutig einen enormen Stimmumfang und ein heftiges Temperament. All diese Rollen sind so dramatisch und sehr feministisch. Seine Frauen sind so interessante Figuren – und sehr starke Frauen – viel stärker als die Männer, viel komplexer. Das zeigt mir seine große Achtung für seine Frau Isabella. Die Entdeckung ihres Repertoires war eine meiner größten Freuden in meiner Karriere.

KlassikInfo: Der Wille zur Macht und Machtmissbrauch ist ja gerade ein sehr aktuelles Thema – wenn man z.B. den neuen Präsidenten der USA betrachtet. Wir sehen zwar keinen Donald Trump auf der Bühne hier bei Semiramide in München, aber es ist doch ein zeitgenössisches Ambiente, in dem die Oper spielt…

Di Donato: Es gibt es einen aktuellen Bezug, und natürlich ist das Thema zeitlos. Es gibt den mythologischen Hintergrund. Es ist ein zeitloses Thema, dass Macht korrumpiert. Ich persönlich halte die aktuelle Entwicklung für wirklich dramatisch. Und zwar nicht nur in meinem eigenen Land, sondern überhaupt in der Welt.In meinem Land tickte eine Zeitbombe, nach den Entwicklungen der letzten Jahre konnte man darauf warten. Und nun müssen wir damit umgehen. Ich sehe es als unsere Verantwortung an, diese Geschichte heute zu erzählen. Für mich besteht aber auch Hoffnung: Wir haben hier eine Frau, die so viele Fehler gemacht hat. Am Ende aber hat sich ihr Herz geöffnet oder es wurde eher aufgebrochen. Sie selbst muß zwar sterben, aber sie hat das Licht gefunden. Deshalb haben wir die Kunst und deshalb brauchen wir die Kunst. Sie reflektiert unsere Seele.

KlassikInfo: Kommen wir zurück zu Ihnen. Sie sind seit vielen Jahren eine der erfolgreichsten Sängerinnen unserer Zeit, schon dreimal wurden Sie vom Echo Klassik zur Sängerin des Jahres gewählt. Begonnen haben Sie Ihre Karriere an der Oper in Santa Fé – ein Opernhaus fernab der amerikanischen Metropolen, aber doch ein Theater, das schon viele Talente und viele interessante Produktionen hervorgebracht hat. Warum ist Santa Fe so besonders?…

Di Donato: Das sollten alle Opernfans einmal selbst erleben. Das ist eines dieser Wunder in der Welt, die man nicht in Worte fasse kann. Ich habe dort 1995 als Lehrling begonnen. Das waren meine ersten Schritte in der Welt der Profis. Ich habe die 2. Brautjungfer in Nozze di Figaro und in vielen Chören gesungen. Es ist zutiefst amerikanisch. Es gibt ein amerikanisches Sommerfestival. Dort werden nicht nur junge Sänger ausgebildet, sondern auch alle anderen Bühnenberufe: Bühnentechnik, Inspizienz, Kostümbild, Maske und all das. Es ist also etwas sehr Besonderes. Sie haben ihr Publikum dazu erzogen, sich auf Traditionelles aber auch auf Modernes einzustellen. Immer wieder wird eine Welturaufführung in die Spielzeit eingebaut und auch mal etwas völlig Unbekanntes. Richard Strauss hat für den Gründer der Oper, John Crosby, eine enorm große Rolle gespielt. So wurde es für viele Strauss-Anhänger ein wichtiger Anziehungspunkt. Es wurden auch ganz unbekannte Strauss-Opern dort aufgeführt. Soweit zum Thema Musik und Musiktheater. Aber der mystische Aspekt hängt eng mit der Lage dieses Opernhauses zusammen. Es liegt in der südwestlichen Wüstengegend, die wirklich eine einzigartige Landschaft ist. Das Theater ist unter freiem Himmel. Meistens beginnen die ersten Takte der Ouvertüre, wenn die Sonne gerade untergeht. Dann sieht man entweder den Sonnenuntergang oder einen Sturm mit Blitzen am Horizont. Später erscheinen die Sterne und der Mond am Himmel. Es ist einfach mystisch.

Interview: Robert Jungwirth


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.