Kritik: Venice Baroque Orchestra, Gautier Capuçon

Konzertkritik Venice Baroque Orchestra mit Gautier Capuçon: Maskuline Eleganz

Gautier Capuçon Foto: Gregory Batardon

Das Venice Baroque Orchestra gastierte in Köln und präsentierte Werke italienischer und deutscher Barockmusik. Solist des Abends war der Cellist Gautier Capuçon.
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 19. November 2013) Die Bezeichnung "Venice Baroque Orchestra" bezieht ihr besonderes Flair natürlich aus dem Namen der Lagunenstadt. Dass das von Andrea Marcon 1997 gegründete Ensemble, welches sich nicht zuletzt durch Opernausgrabungen hervortut, auch am Teatro Fenice gastiert (etwa mit "L’Olimpiade" sowohl von Cimarosa als auch von Galuppi oder Händels "Siroe") versteht sich also. Neben dem Schmuck-Aspekt gibt es freilich auch historische Bezüge zu Venedig, wo sich vor allem dank des Markusdomes ein reiches Musikleben entwickelte. Die beiden gegenüber liegenden Orgeltribünen ermöglichten bei Choraufführungen nämlich ein dialogisches Singen, was gleichzeitig eine besondere Raumwirkung nach sich zog. Viele Musiker und Komponisten aus dem Ausland nahmen beschwerliche Reisen auf sich, um dieses Klangwunder vor Ort zu bestaunen und zu studieren, u.a. Georg Friedrich Händel.
Ein Staunen anderer Art galt dem Mädchenorchester des Waisenhauses Ospedale della Pietà, an dem Antonio Vivaldi als musikalischer Erzieher wirkte. Wie groß die Früchte dieser Tätigkeit waren zeigt sich nicht zuletzt an den vielen Instrumentalkonzerten (rund 4000), welche Vivaldi den jungen Damen gewissermaßen in die Finger schrieb. Die Fähigkeiten der Mädchen müssen exorbitant gewesen sein, nimmt man alleine die beiden Cellokonzerte, welche Gautier Capuçon zusammen mit dem Venice Baroque Orchestra in der Kölner Philharmonie spielte, nämlich RV 418 und RV 531. Das letztgenannte ist übrigens das einzige aus Vivaldis Feder, welches zwei Celli fordert. Da alle Mitglieder des Klangkörpers mehr oder weniger Solisten sind, musste man über einen geeigneten Partner nicht lange nachdenken. Francesco Galligioni stand Capuçon spieltechnisch in keinem Deut nach. Dessen Ton verfügte allerdings über eine besondere maskuline Eleganz und eine vibrierende, edle Intensität, was sicher auch mit seinem Instrument zu tun hat, welches Matteo Goffriler 1701 erbaute.
Während Vivaldis Musik durchwegs melodisch orientiert ist, wirkt der Stil von Carl Philipp Emanuel Bach, jedenfalls was das Cellokonzert Wq 170 angeht, intellektueller. Man spürt, dass er sich vor lauter Einfällen nicht so richtig verströmen kann. Das macht dieses Werk freilich auch wieder besonders interessant. Der Reichtum an Harmonien mit ihrem ständigen Changieren, die Benutzung von Trillern und Vorhaltnoten, das Dialogisieren von Solist (unbegleitet) und Orchester – dies alles summiert sich zu einem ungemein reichhaltigen Ausdrucksvokabular. Das nicht zuletzt in den Kadenzen sehr virtuose Werk bereitete Gautier Capuçon keinerlei Schwierigkeiten, er spielte es – in freundlichem Kontakt zu den Orchesterkollegen – mit selbstverständlicher Leichtigkeit, Noblesse, aber auch mit immensem Feuer. Selbstverständlich befleißigte er sich eines Non-Vibratos. Das erfordert sicher besondere Konzentration, ist der Cellist doch sonst stark im romantischen Repertoire zu Hause. Aktuell ist das ein zusammen mit seinem Bruder Renaud, einem Geiger, gestalteter Brahms-Fauré-Zyklus.
Das Orchester gab sich ausgesprochen impulsiv, bei durchwegs drängenden Tempi, die freilich von dem temperamentvollen Dirigenten vorgegeben wurden. Andrea Marcon lenkte seine Musiker vom Cembalo aus, welches er im Stehen bediente. Das ist durchaus etwas anderes, als wenn ein Solist vom Klavier aus mal eben ein paar Orchestertakte schlägt.
Besondere Aufmerksamkeit zog übrigens der Lautenist Ivano Zanenghi auf sich, ein gemütlich wirkender, ausgesprochen naturfröhlicher Mann, der sein Instrument fast percussionsartig bediente. Die Konzentration stand ihm ins Gesicht geschrieben, und doch wirkte er gelassen und locker. Die Freude am Musizieren beflügelte ihn merklich. Die restlichen Werke des Programms waren Francesco Geminianis Concerto grosso Nr. 12, finessenreiche „Follia"-Variationen nach Angelo Corelli, sowie Giuseppe Tartinis Cellokonzert A-Dur.

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