Kritik: Thomas Hengelbrock

Konzertkritik Hengelbrock dirigiert Schubert: Schmerzensgedicht

Thomas Hengelbrock Foto: Gunter Glücklich/NDR

Thomas Hengelbrock und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Schubert und Beethoven
Von Christian Gohlke
(München, 22. November 2013) Es war ein schönes und stimmiges Programm, das sich Thomas Hengelbrock für sein Konzert mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ausgedacht hatte, kombinierte es doch einen Klassiker des Konzertrepertoires mit zwei selten gespielten geistlichen Werken, ohne an stilistischer Stimmigkeit einzubüßen. Im Zentrum stand Franz Schuberts Symphonie Nr. 7 in h-Moll, D 759 und gerahmt wurde die „Unvollendete“ von Schuberts frühem „Stabat Mater“ für Chor, Orchester und Orgel in g-Moll, D 175 einerseits und von Ludwig van Beethovens Messe in C-Dur, op. 86 andererseits.
Nur zwei der insgesamt zehn Doppelstrophen des mittelalterlichen Schmerzensgedichts „Stabat mater“ hat der gerade einmal 18-jährige Schubert für seine kurze, so schlichte wie ergreifende Komposition aus dem Jahr 1815 vertont. So erfreulich es war, das kaum je aufgeführte kleine Werk einmal im Konzert hören zu können, so schade war es, dass Thomas Hengelbrock ihm nicht mehr Sorgfalt bei der Einstudierung hat angedeihen lassen. Pauschal und etwas ungenau musizierte nicht nur das Orchester. Auch der Chor des Bayerischen Rundfunks (Einstudierung: Peter Dijkstra) klang hier seltsam stumpf und verwaschen.
Hengelbrock verstand Schuberts frühe musikalische Reflexion über das Thema Leid gewissermaßen als Präludium zur h-Moll-Symphonie (1822), die er, ohne den Taktstock zu senken, unmittelbar anschloss. Ein durchaus stimmiger Gedanke, wird in Schuberts Symphonie doch alle Idylle immer wieder jäh von harschen Orchesterschlägen schmerzlich unterbrochen. Diese starken Kontraste arbeitete der Dirigent mit dem jetzt hochkonzentriert musizierenden Orchester heraus, ohne sie indes gewaltsam zu überschärfen. Gemütvoll durften die klangschönen Celli nach dem markanten Hornruf ihr ländlerartige Seitenthema entfalten, ehe die dramatischen Streichertremoli über den dissonanten Bläserstimmen einfielen. Vielleicht war diesem drastischen Umschlag durch eine allzu lange und darum spannungsmindernde Generalpause ein wenig die Spitze gebrochen. Viel Zeit ließ sich Hengelbrock für die Coda, in der mit dem fast ohne Vibrato gespielten Hauptthema der Satz fahl ausklang, so dass das folgende Andante con moto farbenreich und klangsinnlich kontrastierte. Innig trug die Klarinette den aufsteigenden, schließlich im Pianissimo ersterbenden Seitengedanken vor. Erlesen schön glückte der Dialog der Holzbläser. Eine sehr schön musizierte Wiedergabe der „Unvollendeten“, aber keine markante, besonders eigenwillige Interpretation.
Überzeugend gelang nach der Pause die Aufführung von Beethovens C-Dur-Messe nicht nur dank des präzise und feinsinnig geführten Orchesters, sondern auch dank des homogenen Chores und der Solisten Luba Orgonasova, Gerhild Romberger, Christian Elsner und Michael Volle, deren Stimmen bestens miteinander harmonierten. Nach einem ganz weichen, warmen Kyrie wurde das glanzvolle Gloria mit großer Geste, sozusagen mit Pauken und Trompeten vorgetragen. Dem Chor gelangen sowohl die schnellen Läufe im Credo mit bewundernswerter Klarheit, als auch die geheimnisvoll anmutende Innigkeit des Santcus. Ein Aufschrei fast war dann der Beginn des Agnus Dei mit seinem heftigen Tremolo- und Sforzato-Akzenten. Beethovens Selbsteinschätzung, er habe in seiner Messe den Text so behandelt, „wie er noch wenig behandelt worden“, konnte man nach dieser Aufführung folgen. Vielleicht weist sein Opus 86 gerade darin auf die Missa Solemnis voraus.


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