Kritik: Tannhäuser Dortmund

Premierenkritik Wagners „Tannhäuser“ in Dortmund: Geradezu elysisch

Daniel Brenna als Tannhäuser Foto: Thomas M. Jauk

Regisseur Kay Voges feierte in Dortmund mit Wagners "Tannhäuser" sein umjubeltes Operndebüt
Von Christoph Zimmermann
(Dortmund, 1.Dezember 2013) Im Vorfeld der Dortmunder "Tannhäuser"-Neuinszenierung wirbelte etwas atmosphärischer Staub auf. Zunächst haftet die im Mai herausgekommene und heftig kritisierte Düsseldorfer Rheinopern-Produktion (Regie: Burkhard C. Kosminski) weiter im Gedächtnis, wegen ihres rabiaten Transfers ins KZ-Milieu – nach der Premiere auf Intendantenbefehl nur noch konzertant gegeben. Weiterhin machte neugierig, wie sich der als Chef des Schauspiels äußerst erfolgreiche Kay Voges (41) bei seiner ersten Opernregie schlagen würde. Um das Ergebnis in kurzen Worten vorwegzunehmen: Die Zuschauer bejubelten die Premiere mit Standing Ovations, die wenigen Buhs wirkten mehr als Pflichtübung in Trotzigkeit. Der Jubel schloss den grandios singenden Chor (Einstudierung von Granville Walker) sowie die superben Dortmunder Philharmoniker mit ein.
Obwohl es in den Fingern juckt, sofort auf die Inszenierung zu sprechen zu kommen, soll doch mit Überzeugung zunächst auf die Klangwunder eingegangen werden, welche der neue GMD Gabriel Feltz bewerkstelligte. Die homogene, warm tönende Bläserintroduktion der Ouvertüre ist erstes Indiz für eine auch später nicht nachlassende Qualität eines raumfüllenden, doch immer transparenten Orchesterspiels. Die zurückgenommenen Pizzicati bei den Worten "Und als Ihr von uns gegangen" lassen die Herzen im Auditorium ebenso stocken wie das von Elisabeth und die ätherischen Streicherpianissimi im Vorspiel zum dritten Aufzug klingen geradezu elysisch. Doch auch den extrovertiert dramatischen Ansprüchen der Partitur bleibt Feltz nichts schuldig, und die Präzision im Orchestergraben sucht ihresgleichen.
Solch musikalische Qualitätshöhe hätte von einer vordergründig schrägen Szene durchaus torpediert werden können. In Dortmund geschieht dies nicht. Der Einzug der Gäste zu Videoeinblendungen (u.a. mit Bildern von Merkel und Putin) wird zwar zu einer grotesken Riesenparty aufgedonnert, was im Publikum (absolut angemessen) Heiterkeit hervorruft. Der Auftritt der Minnesänger (Tannhäuser radschlagend!) gerät zu einer VIP-Show, u.a. mit dem dekadent tänzelndem Solo Walthers ("Den Bronnen, den uns Wolfram nannte"). Aber das macht nicht nur Sinn, sondern geht auch konform mit der Musik, woran eine gelungene Opernregie noch immer zu messen ist. Unter anderem mit diesem Aufzug löst Voges ein, was er ankündigte: "Ich nehme Wagner ernst und suche nach den für uns aktuellen Konflikten in der Oper."
Die gravierendste Akzentuierung ist es, die Tannhäuser-Figur auf Christus zu projizieren, allerdings auf einen Christus, wie ihn Nikos Kazantzakis in seinem Roman "Die letzte Versuchung" (1951) porträtiert. Ein irdischer Mann mit Schwächen, Aufbegehren, Angst und Sehnsucht nach körperlicher Intimität. Man kann dieses Begehren auch dann als dringlich verstehen, wenn man die Zölibatsauflage der katholischen Kirche und die in letzter Zeit vermehrt aufgedeckten Missbrauchsvorkommnisse außen vor lässt. Bei Kazantzakis findet der gekreuzigte Jesus erst zu sich selbst und bejaht die Erwählung zum Erlöser der Welt, als er – träumend – auch die "Niederungen" menschlicher Existenz durchlebt hat. Den Roman setzte 1954 der Papst auf den Index. Bei der Romerzählung in Dortmund wird ein imaginäres Konterfei eingeblendet, welches sich zunehmend verzerrt. Hier könnte man eine leichte Übertreibung kritisieren, auch die dichte Fülle der Bilder bildet eine gewisse Gefahr. Doch wie die Bühne Daniel Roskamps (mit einer – für den letzten Venus-Auftritt von innen rot erleuchteten – kirchenartigen Kuppel als Blickzentrum) und bewegte Bilder sinnvoll und stimmungsfördernd miteinander verzahnt werden, ist ein visuelles Erlebnis von größter Faszination. Die Details wie auch die Fülle an symbolhaften Figurationen (Engel, Tod, Hirt als Satyr) lassen sich kaum umfassend beschreiben. Empfehlung: Hingehen und selber ansehen.
Auf eine besondere Filmsequenz sei dennoch näher eingegangen. Zu Wolframs Lied an den Abendstern sieht man Elisabeth (Christiane Kohl) durch die Gänge des Dortmunder Opernhauses gehen, sich in der Garderobe ihres Kostüms und ihrer Perücke entledigen, um dann in eine Badewanne zu steigen. In Zeitlupe schließt sich das Wasser über ihr. Es ist nicht das erste Mal, dass man sich eine Träne aus den Augen wischt.
Dass mit Daniel Brenna ein junger Tannhäuser auf der Bühne steht, verleiht dem Konfliktpotential der Oper eine größere Dringlichkeit als normalerweise; Mut zu einer sehr körperhaften Darstellung kommt hinzu. Demnächst wird Brenna den Siegfried in Stuttgart verkörpern. Auch sein Dortmunder Rollendebüt unterstreicht die Entwicklung zum Heldenfach. Nicht immer wirkt die kraftvolle Stimme ausgeglichen, und in der Premiere ließen einige Rissigkeiten um das Durchhaltevermögen fürchten, doch fing sich der Sänger wieder. Und wohl immer wäre er in der Lage, evtl. Konditionsschwächen durch Expressivität auszugleichen oder zu kaschieren. Über seiner Romerzählung liegt beispielsweise so viel Schmerz und Qual, wie man es in jüngerer Zeit wohl nur von Jonas Kaufmann gehört hat.
Alle anderen Partien sind gleichfalls angemessen besetzt, wenn auch nicht in jeder Hinsicht optimal. Christiane Kohl gibt der Elisabeth eine klare Diktion und die Leuchtkraft ihres Soprans, welcher mitunter aber leicht scharf wirkt und nur wenig Mädchenhaftes an sich hat. Als Venus bietet Hermine May passenden Mezzo-Sex, einige verführerische Zwischentöne mehr wären vorstellbar. Ihr letzter Auftritt (wiederum im stoffreich wippenden Dinnerkleid des ersten Aufzugs, wie alle moderat modernen Kostüme von Michael Sieberock-Serafimowitsch entworfen) gehört übrigens zu den weniger bezwingenden Einfällen, wie sie Voges‘ Inszenierung – gerechterweise darf das nicht unerwähnt bleiben – auch enthält. Wolfram wird durch Gerardo Garciacano ausgesprochen maskulin umrissen. Das nimmt der Figur vielleicht ein wenig von der intendierten Tragik, doch innerhalb der Dortmunder Inszenierung wirkt die neue Farbe durchaus passend. Immerhin hat auch mal ein George London diese lyrische Partie gesungen und wurde den Belcantoansprüchen gerecht, wie jetzt auch Garciacano. Die weiteren Minnesänger, angeführt vom eifernden Biterolf des Morgan Moody: John Zuckerman (Walther), Fritz Steinbacher (Heinrich der Schreiber) und Martin Js. Ohu (Reinmar). Zunächst etwas leichtgewichtig, dann aber immer markanter gestaltet Christian Sist den Landgrafen. Anke Biegel mit ihrem frischen Sopran gewinnt als "Satyr-Hirt" die besonderen Sympathien des Publikums.

 

 


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