Kritik: Stutzmann, Jaroussky Köln

Konzertkritik Nathalie Stutzmann und Phllippe Jaroussky: Ein Abend, der glücklich machte

Nathalie Stutzmann und Phillippe Jaroussky Fotos: Simon Fowler

Altistin Nathalie Stutzmann und Phllippe Jaroussky präsentierten dem Kölner Publikum Werke von Händel und Vivaldi
von Christoph Zimmermann    
(Köln, 18. Dezember 2013) Auch wenn die beiden Termine Planungszufall sein dürften: die Auftritte von Philippe Jaroussky und Max Emanuel Cencic binnen einer Woche in der Kölner Philharmonie werden unmissverständlich vor Augen bzw. Ohren führen, wie unterschiedlich Stimmfarbe und vokaler Gestus auch im Bereich der Countertenöre sein können. Einen besonderen Beweis hierfür lieferte bereits die Oper "Artaserse" von Leonardo Vinci in der "Oper am Dom" (derzeitige Ausweichspielstätte der Oper, welche gegenwärtig generalsaniert wird). In diesem Werk sind gleich fünf Vertreter dieser Spezies gefordert. Beim nochmaligen Gastspiel der auch auf CD festgehaltenen Produktion unter Diego Fasolis im März wird Philippe Jaroussky allerdings nicht mehr dabei sein. Wohl zu viele anderweitige Verpflichtungen, denen sich der Sänger nicht von ungefähr zuletzt für ein Jahr entzogen hatte. Jetzt aber war er wieder da, zur Freude seiner vielen Fans, die nach dem Konzert den Signiertisch massenweise umstanden.  
Philippe Jaroussky ist ein künstlerisch äußerst neugieriger Mensch, der nicht nur (ähnlich wie Cecilia Bartoli) Notenbibliotheken für seine Raritätenprogramme akribisch durchstöbert, sondern gerne auch im Sinne einer interpretatorischen Bandbreite experimentiert. So ging er mit seinem Kollegen Cencic für Duette ins Studio und stand für Pergolesis "Stabat Mater" gemeinsam mit dem Aufsteiger Valer Barna-Sabadus auf dem Podium (das gleiche Werk demnächst auch mit Julia Lezhneva – live, eine CD ist bereits vorhanden). Was Dirigenten betrifft, so arbeitet Philippe Jaroussky oft und gerne mit Frauen zusammen, etwa Christina Pluhar und Emmanuelle Haim, seit jüngstem auch mit Nathalie Stutzmann.  
Die Altistin mit der samtenen, elegischen Stimme, welche gerne mit gastronomischen Vokabeln belegt wird, hat sich mit dem von ihr 2009 gegründeten Kammerorchester Orfeo 55 einen Lebenstraum erfüllt und füllt ihre neue Rolle hörbar überzeugend aus. Die Musiker spielten in Köln unter ihrer (gestisch fraglos etwas unorthodoxen) Leitung lebendig atmend, spritzig und technisch superb. Die Doppelfunktion von Nathalie Stutzmann (Peter Schreier hat sie auch hin- und wieder ausgeübt) wirkte nicht vordergründig inszeniert, sondern organisch, als Konsequenz eines umfassenden Gestaltungswillens.  
Ihr Gesang steht zu dem von Philippe Jaroussky in denkbar größtem Gegensatz: orphisches Dunkel kontra seraphische Helligkeit. Beider Tonumfang deckt sich in etwas (bis auf die Kontratiefe), und so konnten die beiden Künstler im ersten der beiden zugegebenen Duette ihre Partien nach einem Zwischenspiel spaßeshalber austauschen. Die übrigen Zwiegesänge im Vivaldi-Händel-Programm lebten indes vorrangig vom Kontrast der Stimmen.  
Die von Nathalie Stutzmann wundervoll beseelt vorgetragene Arie "Vedrò con mio diletto" aus Vivaldis "Giustino" gehört auch zum Repertoire von Philippe Jaroussky. Ein Konzertmitschnitt mit ihm auf Youtube zeigt, wie extrem timbreunterschiedliche Interpretationen ausfallen können und dennoch jeweils zu überzeugen vermögen, wobei bei Jaroussky freilich auch der von Jean-Christophe Spinosi extrem trocken gehaltene Orchesterklang ins Gewicht fällt. Frappierend, dass Jarousskys "Paradiso"-Organ beim Kölner Abend besonders mit einer extrem schmerzgeprägten Arie aus Vivaldis "Farnace" überzeugte, welche von Vivaldi freilich bereits wirkungsvoll lautmalerisch angelegt ist ("Gelido in ogni vena scorrer mi sento il sangue"/"Eisig fühle ich das Blut durch meine Adern fließen"). Den heiteren Kehraus des Konzertes bildete ein Duett, in welchem Nathalie Stutzmann und Philippe Jaroussky auf geradezu umwerfende Art und Weise auch ihre komödiantischen Fähigkeiten unter Beweis stellten und die vielen Blumenbookets in ihr Spiel einbezogen. Ein Abend, der so richtig glücklich machte.  
Es war übrigens eine besonders schöne Geste von Nathalie Stutzmann, dass sie ihr (in Köln debütierendes) Orchester zum begeisterten Schlussapplaus mit an die Rampe treten ließ.    

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