Kritik: Oper "Musik" Köln

Opernkritik „Musik“ nach Wedekind und Helene Hegemann: U25-Oper

Klara (Gloria Rehm) träumt von rasanten Geschwindigkeiten in ihrer Karriere Foto: Paul Leclaire

Uraufführung der Oper "Musik" von Michael Langemann nach einem Text von Helene Hegemann in der Köln-Mühlheimer Fabrikhalle Palladium
Von Sabine Weber
(Köln, 11. Dezember 2013) Sowohl Tanzelemente wie Videosequenzen und Sprechtheater sind ins klassische Operngeschehen integriert worden. Die größte Aufmerksamkeit in dieser Teamarbeit um die Dramaturgin Janine Ortiz, die auch das Konzept entwickelt hat, zog die jungen Librettistin und Regisseurin Helene Hegemann auf sich. Dabei interessierte unter anderem, wie die Skandalautorin, die in ihrem Debütroman "Axolotl Roadkill" von 2010 zugeben musste, von einem Blogger-Roman abgeschrieben zu haben, mit Frank Wedekinds gleichnamigem Theaterstück von 1908 als Vorlage umgeht. Und natürlich, wie eine 21-Jährige inszeniert.
Manchmal ist es gut, sich zusätzlich die zweite Vorstellung anzuschauen. Der Bühnen-Tsunami an Informationen, Symbolen (Herz, Heilige mit gestelzten Fingern, grottig-gotische Kapuzenmenschen mit Kreuzen), dazu reichlich verbal zelebrierte Codes sind eine fürs klassische Musiktheater ungewöhnliche Herausforderung. In ihrem Libretto hat Helene Hegemann das Anspielen, Zitieren und Kopieren aus Song- und Rappertexten zum Prinzip erhoben. Deren Urheber dürften die wenigsten Operngänger kennen. Auch der Untertitel "I make hits motherfucker" ist ein solches Zitat. Urheberrechtsfragen hat Hegemann im Sturm ausgehebelt. Sie zelebriert selbstbewusst Eklektizismus, der ihr vorgeworfen wird. Aber das gehört zum Lebensgefühl ihrer U-25 Generation. Die hat gelernt, mit einer Flut von Einflüssen – vor allem medialer Art – zurecht zu kommen, zu adaptieren, zu übernehmen. Das ist ihr Alltag. Auch der virtuose Umgang damit. Hegemann macht das auf der Bühne nachvollziehbar, und das ist ihr größtes Verdienst!
Wer mit Jugendlichen kommuniziert merkt nicht nur schnell die Kodifizierung der Sprache, sondern wird auch durch das enorme Tempo im Jonglieren mit Nachrichten und Subnachrichten überrollt. Was schert also die Hegemann ein originaler Wedekind? Er hat die Figuren und den passenden Titel geliefert! Und um ehrlich zu sein, die zehn bis zwölf originalen Wedekindsätze wirken wie Fremdkörper in der umgangssprachlich bis ordinär auftrumpfenden jungendlichen Sprechnormalität: "Ei, man…Scheiße!" Hier gibt es keine gestelzten Singspieldialoge mit gestützter Stimme, jedenfalls haben die Sänger versucht, das nicht zu tun.
Das Thema "Will Star werden und stürze noch vor dem Aufstieg ab", das dürfte den Lebensnerv der hier angesprochenen Generation treffen. Eine junge Frau, die ihren Weg nicht findet, weil sie von einer durchgedreht hysterischen "desperate housewife" belabert wird, weil deren Mann und Gesangslehrer sie gleich zweimal schwängert, eher weniger. Aber das "Dazugehören wollen und alles dafür tun, vor allem das Falsche, und dann rauszufallen" dann doch wieder. Und die Mutter, die die Tochter in der geschlossenen Anstalt besucht, schmettert ihr den häufigsten hilflosen Mütter-Satz entgegen: "Ich hab’s dir doch gesagt!"
Die Musik von Michael Langemann, Jahrgang 1982, reagiert schillernd auf die verschiedenen ineinander verzahnten Situationen. Freilich alle möglichen Stile fährt er auf: von Minimalmusic bis hochromantisch, von barockem Lamento bis hin zu energetisch aufgeladenen Bernard Hermann-Hitchcocklängen. Ein paar Mal klingt es nach Wagner. "Tannhäuser" soll drin sein. Eher "Tristan" meint frau zu hören. Manchmal klingt der Partitursatz ein bisschen unausgewogen, die Zusammenklänge nicht perfekt ausgelotet. Einige Gesangseinlagen huldigen dem Koloraturgesang, sind aber oft auch "angepopt". Freilich nur mit Hilfe von klassischen Instrumenten im Orchestergraben.
Dass Sprache dürftig sein kann, wenn das Duett klingen soll, ist ein alter Hut. Hier vorgeführt auf die Worte "Gehst du jetzt?" – "Nein, ich bleibe!" zwischen Gesangslehrer und der neuen Schülerin und Lustgespielin Klara. Klara ist mit Gloria Rehm ideal besetzt. Vor einem Jahr erst ist sie vom Opernstudio ins Kölner Ensemble übergewechselt. Sie sieht nicht nur gut aus, hat das richtige Alter, sondern singt auch mit Schmelz und Höhe und Sinn für solche Texte. Sie füllt ihre Rolle auch aus, wenn sie sich bewegt. Dann ist sie wie eine aus der Dancefloor-Truppe, die immer wieder im Bild mit viel Bauchfreiheit und Tattoos auf der Haut mitmischt. Henryk Böhm als Gesangsprofessor füllt eine eigentlich viel zu harmlose Rolle aus. Die Schauspielerin Judith Rosmair (aus dem Kölner Schauspielensemble), die auch ein Duett mit der Hauptfigur singen darf, sorgt mit ihrer Überdrehtheit für die komischsten Momente.
Kathrin Grottenthalers schwarz-weiß gedrehte Bilder werden auf eine Gazeleinwand projiziert. Mal sind Roadmovies mit wackelnder Handycam durch Berliner oder Kölner Straßen zu sehen, mal Nahaufnahmen als Träume und Alpträume inszeniert von den Bühnenakteuren, beispielsweise ein Lustkampf mit Messer oder unter Wasser in der Badewanne wie tot liegen. Das pulsierende Ultraschallbild als eine Anspielung auf Klaras Schwangerschaft wird dann noch mit einer OP-Liveaufnahme an pulsierenden und blutenden Innereien – eine Abtreibung etwa? – widerlich getoppt. Zwischenspiele begleiten einige der Videosequenzen auch ohne Handlung.
In "Musik" wird jugendliches Lebensgefühl authentisch dargestellt. Für den herkömmlichen Operngeschmack mag das ein bisschen zu viel sein. Was an diesem von A bis Z unterhaltsamen Abend einzig bremst, sind die langen Sprechszenen. Beim ersten Mal hört man noch angespannt zu. Beim zweiten Mal wird deutlich, dass sie Leerlauf produzieren, denn in gewisser Weise handeln die Personen doch immer gleich und wiederholen sich. Emotional und persönlich gibt es wenig Entwicklung, bis auf die Frauen in der Dreiecksbeziehung, die sich einmal näher kommen. Und der Gesangslehrer, der gegenüber dem Schriftsteller Franz Blindekuh zugibt, dass er Klara eigentlich liebt. Dass die Regisseurin keine altklugen Erkenntnisse verbreitet oder Lebensweisheiten kund zu tun versucht, ist ihr positiv anzurechnen. Ebenso die Tatsache, dass sie mit ihren Mitstreitern das Format einer U25-Oper vorgestellt hat. Und das mit enormer Intensität! Wäre interessant, was KritikerInnen aus dieser Altersstufe schreiben würden.

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