Kritik: Oedipe Frankfurt

Premierenkritik: Enescus Oper Oedipe in Frankfurt: Ödipus aus dem Ei

Es ist nicht zu begreifen – auch nicht mit Wahrscheinlichkeitsrechnung. Simon Neal (Ödipus) Foto: Monika Rittershaus

Hans Neuenfels inszenierte und Alexander Liebreich dirigierte an der Oper Frankfurt die Erstaufführung von George Enescus „Oedipe“ in einer gekürzten Version mit deutschem Text – mit mäßigem Erfolg.
Von Robert Jungwirth

(Frankfurt, 8. Dezember 2013) Ehrenrettungen sehen anders aus und hören sich anders an. Nein, weder Hans Neuenfels als Regisseur noch Alexander Liebreich als Dirigent ist es gelungen, George Enescus in Deutschland wenig bekannte und noch weniger gespielte Oper „Oedipe“ zum endgültigen Durchbruch zu verhelfen. Schade, denn mit dieser Frankfurter Erstaufführung des 1936 in Paris höchst erfolgreich uraufgeführten Werks hätte man zweifellos die Chance dazu gehabt. Chor, Orchester und Solisten mühten sich nach Kräften, allein es fehlte am überzeugenden Konzept – im Musikalischen wie im Szenischen.
Was hatte man sich nicht alles erwartet vom Altmeister des „Regietheaters“ Hans Neuenfels. Der mit seiner spektakulären „Aida“ vor über 30 Jahren an selbigem Ort seinen legendären Ruf als Opernzertrümmerer begründete. Neuenfels und Ödipus, das ist doch wie ein Bildhauer in Carrara, möchte man meinen…
Doch viel ist Neuenfels nicht eingefallen zum tragischsten aller tragischen Helden, der ohne es zu wissen erst seinen Vater umbringt, dann seine Mutter heiratet, und als alles ans Tageslicht kommt, sich selbst richtend, blendet. Zur Ouvertüre sieht man Ödipus im hellblauen Anzug mit Stirnlampe auf archäologischer Erkundungstour durch grabkammernähnliche Räume geistern (Bühne: Rifail Ajdarpasic). An den Wänden keine griechischen Schriftzeichen, sondern mathematische Formeln zur Wahrscheinlichkeitsrechnung: „Die Wahrscheinlichkeit dass etwas unmögliches Eintritt ist null“, so weiß es die Mathematik. Aber unmöglich ist für den Menschen ein relativer Begriff, und dieser Relativität fällt Ödipus zum Opfer, wenn ihn das Unmögliche einholt, obwohl er doch alles Mögliche versucht hat, dem Unmöglichen zu entgehen.
Natürlich steht im Zentrum von „Ödipus“ die Frage, wie selbstbestimmt der Mensch ist. Und natürlich interessiert sich auch Neuenfels vor allem für diese Frage. Doch weitere Ideen als die des Archäologen Ödipus, der sein Schicksal erforscht und dabei zum Mathematiker wird – und auch damit scheitert – leitet er daraus nicht ab. Dafür inszeniert er ein paar Obszönitäten und arrangiert ein Sammelsurium an Kostümträgern –  vom Sandalenfilm angefangen – Kreon trägt tatsächlich goldene Sandalen! – bis zu abgefahrenen Punks (Kostüme: Elina Schnizler). Aha, so zeitlos also ist der Ödipus-Stoff.
Wie bei Sophokles ist Ödipus, der bei Neuenfels zu Beginn aus einem Ei schlüpft, am Ende auch in Frankfurt eine große tragische Figur, die an der Wahrheit, an ihrem verhängnisvollen Schicksal zerbricht. Soviel Realismus muss sein. Simon Neal singt das mit enormem, über den Abend eher noch zunehmendem stimmlichen Einsatz. Dass er es mit der Lautstärke manchmal übertreibt, hat auch mit Alexander Liebreichs forciertem Dirigat zu tun. Der Leiter des Münchner Kammerorchesters spitzt zu, ballt die Klänge, ja lässt es krachen, wo es nur geht, als wollte er fortwährend deutlich machen, hört her, so grausam kann das Schicksal sein. Nun, das wissen wir bereits vor der Oper und das Schreckenspathos trägt auch nicht über die Dauer der gesamten Oper, sondern ist einfach des Guten zu viel. Während das Fließende, Impressionistische, das Enescus Musik neben allem Erschreckenden auch enthält, zu kurz kommt. Auch die Entscheidung, den Text statt im französischen Original in deutscher Übersetzung zu singen, trägt zu einem härteren Klang in den Gesangspartien bei. (Seltsam nur, dass man den Titel im französischen Original belassen hat.)
Ganz hervorragend war der Chor in der Einstudierung von Matthias Köhler. Katharina Magiera als beängstigend geheimnisvolle Sphinx und Tanja Ariane Baumgartner als Ödipus‘ Mutter und Gattin Jokaste boten ansprechende Leistungen. Angesichts des insgesamt nicht wirklich überzeugenden Gesamteindrucks, konnte man über die Entscheidung, den vierten Akt der Oper zu streichen letztlich auch nicht traurig sein, obwohl dies, wie die deutsche Textfassung, einen durchaus nicht unproblematischen Eingriff in das Werk darstellt.

 

 

 



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