Kritik: Max Emanuel Cencic

Konzert-Kritik Max Emanuel Cencic: Koloraturenseligkeit

Max Emanuel Cencic Foto: Laidig

Der Countertenor zusammen mit dem Concerto Köln in Köln – Konzertkritik
Von Christoph Zimmermann

(Köln, 25. Dezember 2013) Es war sein Debüt in der Philharmonie, nicht aber in Köln. Countertenor Max Emanuel Cencic gab bereits im Oktober 2010 im Opernhaus (welches derzeit saniert wird) ein Recital mit dem Titel „Le dernier Castrat“, im Dezember 2012 hatte er mit vier Fachkollegen Auftritte in der „Oper am Dom“ (gegenwärtige Ausweichspielstätte) mit Leonardo Vincis „Artaserse“. Eine Wiederholung erfolgt im kommenden März, dann allerdings ohne Philippe Jaroussky, der jetzt erst vor kurzem wieder (zusammen mit Nathalie Stutzmann und ihrem „Orfeo 55“) begeisterte (s. Rezension vom 18.12.). Statt seiner wird der Koreaner Vince Yi die Titelpartie verkörpern, ein junger Künstler mit wundervoller Stimme, dessen Management übrigens von Cencics Produktionsgesellschaft „Parnassus Arts“ wahrgenommen wird. „Parnassus“ ist auch verantwortlich für die konzertante Aufführung von Georg Friedrich Händels „Tamerlano“, welche im Mai in Köln (und einen Monat zuvor in München) einen weiteren Countertenor von Rang präsentiert, Xavier Sabata.
Dies alles sind freilich Termine der Oper Köln. Die Philharmonie hätte bei ihren Eigenveranstaltungen in Sachen Countergesang hingegen etwas aufzuholen, zumindest, was prominente Namen betrifft. Das Köln-Debüt von Bejun Mehta im vergangenen Februar dankte man ja nicht ihr, sondern dem Kölner Kammerorchester. Doch zugegeben, in Anbetracht der mächtig angestiegenen und weiter ansteigenden Zahl von Sängern mit hoher Kunststimme ist es nicht leicht, das einschlägige Angebot wirklich repräsentativ zu halten. Und nicht jeder Countertenor hat kostensparend ein klavierbegleitetes Recital anzubieten wie der brillante und vielseitige Max Emanuel Cencic kürzlich in Frankfurt (Mozart, Rossini). In der Philharmonie assistierte ihm freilich Concerto Köln. Besseres kann einem Sänger vorwiegend mit Barockrepertoire eigentlich nicht widerfahren.
Der Unterschied dieses Ensembles etwa zum Freiburger Barockorchester (Kölner Gastspiel drei Tage zuvor) ist allenfalls graduell. Die Freiburger pflegen bei ihren Interpretationen eine etwas flottere Gangart, die Kölner – keineswegs weniger temperamentvoll – bieten dafür einen etwas süffigeren, noch stärker raumgreifenden Sound. Hinsichtlich des virtuosen Anspruchs aber gibt es kaum Unterschiede. Das wirbelnde Terzenspiel von Konzertmeister Markus Hoffmann und Sylvie Kraus bei Antonio Vivaldis Doppelkonzert RV 578 war bei den gewählten, teuflischen Tempi eine Klasse für sich. Und die Wechsel zwischen Orchester und dem Gesangssolisten bei Koloraturen wie „Abbruggio, avampo“ (Händels „Rinaldo“) gerieten mustergültig und nahtlos.
Das lässt auf Cencics bestechende Gesangstechnik kommen, welche auch einige Arien aus der Feder von Antonio Vivaldi bis hin zur Zugabe prägte. Der 1976 in Kroatien geborene Künstler wurde zunächst von seiner Mutter, einer Opernsängerin, ausgebildet. Weiterhin mit einem Vater als Dirigenten war er also seit jeher umgeben von klassischer Musik und Fragen zu ihrer Interpretation. Mit sechs Jahren trug er in einer Fernsehshow „Der Hölle Rache“ aus Mozarts „Zauberflöte“ vor (auf Youtube gibt es einen Mitschnitt dieser Arie, vier Jahre später entstanden). Mit noch nicht 20 hatte Max Emanuel Cencic bereits an die 800 Auftritte hinter sich, u.a. bei der Schubertiade. Auch aus dieser Zeit gibt es auf Youtube musikalische Beispiele, u.a. den Bolero der Elena aus Verdis „Sizilianischer Vesper“. Cencic trat ja (damals übrigens noch mit vollem Haupthaar) zunächst als definitiver Sopran auf, bevor er 2001 ins Counterfach wechselte.
Koloraturgeprägte Arien sind bei ihm, wie auch bei seinen Kollegen, eine schon durch das einschlägige Repertoire bedingte „Spezialität“. In Köln freilich berührte besonders Cencics Fähigkeit zu melodisch lyrischem Ausdruck, die er als erstes mit einem Ausschnitt aus Vivaldis „Tigrane“ demonstrierte. Die emotionale Wirkung wurde dadurch intensiviert, dass seine Stimme jetzt eine leichte Mezzo-Färbung aufweist, zumindest, wenn man es unmittelbar mit den höher gelagerten Stimmen von Philippe Jaroussky, Vince Yi oder auch Iestyn Davies vergleicht. Der Gesang des Australiers David Hansen – brustige Tiefe und dramatisch herausgeschleuderte Höhe bis zum hohen C – ist dann schon eine eigene Kategorie. Max Emanuel Cencic meisterte tiefe Passagen ohne Registerbruch und ausgesprochen wohlklingend. In der Höhe spürte man minimale Grenzen um das G‘ herum, was aber den enormen Gesamteindruck nicht im Geringsten schmälerten.

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