Kritik: La Traviata Mailand

Premierenkritik La Traviata zur Scala-Saisoneröffnung: Damrau erobert Mailänder Publikum

Diana Damrau, Piotr Beczala, Zeljko Lucic Foto: Brescia-Amisano /Teatro alla Scala

Diana Damrau wurde bei der Scala-Saisoneröffnungs-Premiere als Violetta Valéry in Giuseppe Verdis "La Traviata" vom Publikum gefeiert.
Von Derek Weber

(Mailand, 7. Dezember 2013) Es war der Abend der Diana Damrau, dieser 7. Dezember 2013, der noch einmal im Zeichen des Jahresregenten Giuseppe Verdi stand. Als Riccardo Muti vor vielen Jahren "La traviata" wieder auf den Spielplan setzte, galt das als großes Wagnis. Zu übermächtig war damals noch der Mythos von Maria Callas, die die Rolle der Violetta Valéry dereinst – 1953! – hier unter der Regie von Luchino Visconti sang. Muti musste sich noch regelrecht dafür verteidigen, dass er Verdis populärste Oper aufführte. Heute ist das fast schon Schnee von gestern. Die Damrau wurde nach dem Ende der Oper von einem wahren Beifallsorkan empfangen. Und selbst die zwei Experten von den Nebensitzen klatschten ihr frenetisch zu.
Der Regisseur der neuen Produktion, Dmitri Tscherniakov, der die Handlung in der Zeit der Entstehung der Oper beließ und in ein Milieu des überdrehten Festefeierns und der ländlichen Zweieridylle verlegte, bekam erstaunlich viele Buhs ab, ebenso der Dirigent des letzten Saison-Eröffungsabends der Ära Lissner, Daniele Gatti, der im Großen und Ganzen moderaten Tempi den Vorzug gab. (Was bei Verdi – in beide Tempo-Richtungen gedacht – kein Fehler ist.) Was der Regie und dem Dirigenten gezollt wurde, ist für einen neutralen ausländischen Beobachter ebensowenig nachvollziehbar wie die laute Kritik an Pjotr Beczala, auch wenn der polnische Tenor, wie es bei ihm öfter vorkommt, sich an diesem Abend nicht als Meister der ebenmäßigen Emission hoher Töne erwies. Nur Želko Lučić als Vater Germont blieb von der Kritik, die wie immer vom "Loggione" – dem Stehplatz der Scala – angeführt wurde, ausgenommen. Das Publikum im Parkett und in den Logen, das für die Premiere immerhin sehr viel Geld ausgeben muss, verhielt sich generell zustimmender. Auch der italienische Staatspräsident äußerste sich gegenüber der heimischen Presse sogar demonstrativ positiv. Sonderapplaus vom Publikum erhielt Mara Zampieri, einst gefeierte Lady Macbeth an allen Bühnen der Welt, für ihre Dienerin Annina, eine Rolle, die normalerweise wenig Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Was die Italiener, normalerweise recht konservative Opernbesucher, an Tscherniakovs Regie auszusetzen hatten, bleibt ein kleines Rätsel. Vor allem die Personenführung war konzis, psychologisch durchdacht, und die Szene, in der Giorgio Germont die zur Hausfrau gewordene Kurtisane dazu bringt, aus Rücksicht auf das soziale Standing der Germonts auf ihren Alfredo zu verzichten, ist nicht oft mit solcher Intensität auf der Bühne zu sehen. Am Künstlerischen wurde also gewiss nicht gespart. Dass die Scala – wie alle Kulturinstitutionen Italiens – sparsam wirtschaften muss, war bei der Saisoneröffnung allenfalls am Fehlen von Balletteinlagen und am Verzicht auf den früher üblichen Blumenschmuck zu merken. (Blumen gab es nur vom Loggione, der sie am Ende der Oper demonstrativ von oben auf die Bühne warf.)
In der Königsloge war neben dem 89-jährigen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano auch EU-Präsident José Manuel Barroso zu sehen. Im Publikum zu entdecken gab es natürlich auch Alexander Pereira, der ja die Scala ab Oktober 2015 leiten wird und heuer noch einmal die entspannte Rolle des Zusehers genießen durfte, zumal er in Gesprächen mit dem Orchester die Musiker davon überzeugen hat können, dass Riccardo Chailly musikalischer Leiter der Scala werden wird.
Draußen vor dem Theater, wo oftmals lautstark protestiert wird, ging es diesmal leiser zu. Dafür war das Feiertagschaos im Auto- und U-Bahnverkehr – es werden ja die Geschäfte und Märkte am Tag des Mailänder Stadtheiligen offen gehalten – umso größer. Vielleicht ein gutes Zeichen dafür, dass sich Italien vom Rezessionsschock zu erholen beginnt. Rechtzeitig im Teatro alla Scala zu sein, erwies sich jedenfalls als enorme Herausforderung.

 

 


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