Kritik: La Forza Bayerische Staatsoper

Premierenkritik La Forza del Destino an der Bayerischen Staatsoper: Kreuze und Kriege

Jonas Kaufmann (Alvaro), Anja Harteros (Leonora) Foto: W. Hösl

Martin Kusejs Neuinszenierung von „La Forza del Destino“ beschließt das Verdi-Jahr an der Bayerischen Staatsoper – szenisch nicht wirklich überzeugend, musikalisch bei den Sängern dafür umso mehr – nur Asher Fisch am Pult enttäuscht.
Von Klaus Kalchschmid
(München, 22. Dezember 2013) Sie waren mit Abstand die strahlenden Siegerinnen des Abends: Vor 25 Jahren feierte man in der grandiosen, in einem gigantischen liegenden Kreuz angesiedelten Inszenierung von Götz Friedrich die großartige Julia Varady; nun verkörperte Anja Harteros überragend Donna Leonora an der Bayerischen Staatsoper. Wie beim neuen Festspiel-„Trovatore“ war in dieser vierten Verdi-Premiere der Staatsoper binnen eines Jahres erneut Jonas Kaufmann ihr kaum minder begeistert akklamierter Partner – als Geliebter Alvaro, von dem sie getrennt wird, noch bevor die beiden ein Paar werden können.
Natürlich spielt das Kreuz auch in Martin Kušejs Neuinszenierung eine wichtige Rolle. Es ziert schon zur Ouvertüre die Tafel in einem hässlich leeren Raum mit breiter, von Stores verhüllter Glasfront, wo vor dem Abendessen im gar nicht trauten Familienkreis gebetet wird: Von Vater, Tochter, Bruder und weiteren Geschwistern, Bodyguard und Diener im Hintergrund. Kurz darauf ist die Flucht von Leonora und Alvaro vereitelt, der Vater von ihm versehentlich getötet – durch einen Schuss, der sich aus der Waffe löst.
Immer wieder kehrt die Inszenierung an diesen Tisch zurück und in diesen Raum, an dem Leonoras Leben eine so tragische Wendung nahm, auch wenn er später aussieht wie ein langweiler Gemeidesaal der 1970er, den man mittels faltbarer Wand (über der ein Kreuz dominiert!) nach hinten abtrennen kann. Wenn Leonora Schutz bei Padre Guardanio sucht, findet hinter dieser Wand ihre Initiation statt – in einem Ambiente, als würde die Parsifal‘sche Gralszene auf Sarastros Eingeweihte stoßen. Mehrfach wird das Double der Sängerin komplett ins Wasser getaucht, bevor Anja Harteros perfekt onduliert im schönen, trockenen Kleid (Kostüme: Heidi Hackl) ihre Szene mit dem prägnanten Chor der Staatsoper singen darf. Am Ende sehen wir als Einsiedelei, in die sich Leonora geflüchtet hat, ein Gebirge aus Kreuzen.
Den dort – wie Leonora – büßenden Alvaro reizt Carlo aufs Äußerste und fällt im Duell, das er so heiß ersehnte. Im Sterben tötet er die Schwester, die zuvor ihrem Alvaro Gottes Vergebung verheißt. Der freilich wirft zu den letzten Takten der Musik das allgegenwärtige Kreuz der Tafel, an dem jetzt das Geschwisterpaar tot sitzt, in die Ecke.
Nach der Pause war leises Unbehagen des Premieren-Publikums im Parkett zu vernehmen. Denn da sprang den Zuschauer in Martin Kušejs bislang seltsam braver Inszenierung das erste, nachhaltig verstörende Bild entgegen: Der Grundriss eines von einer Bombe zerstörten Hauses mit seinen Mauerresten – aus der Vogelperspektive. Darin Liebespaare in Schockstarre, wie man sie in Pompeji gefunden hat, hier lebendig und unmerklich immer wieder ihre Stellung verändernd. Dazu – wie auf Bildern aus Abu Graib – halbnackte, blutige Männer, die als Hunde an der Leine gezogen am Boden kriechen, und ein Mensch, der mysteriös aus einem Sarg die Wand hochschreitet. Schon zuvor sah man die Andeutung geschmolzener Eisenträger und von grauem Staub eingehüllte Menschen wie nach dem Einsturz des World Trade Center am 11. September 2001 (Bühne: Martin Zehetgruber). Weil die Kriegs-Lust-Szenen dieses dramaturgisch so krude ausufernden Werks heute kaum mehr inszenierbar sind, fallen sturzbetrunkene halbnackte Choristen über ihre Frauen her, ohne freilich fähig zu sein, den Beischlaf zu vollziehen. Eine Inszenierung des offenbachisch-überdrehten „Rataplan, pim, pum, pam“ der Zigeunerin Preziosilla (üppig orgelnd: Nadia Krasteva) verweigert Kušej einfachheitshalber und lässt dazu den Chor fast unsichtbar auf dem Rücken liegend singen.
Am Ende gab es einige Buhs für das Regie-Team. Aber galten sie den verstörenden Kriegs-Bildern oder vielmehr der Harmlosigkeit, mit der Kušej den Rest inszenierte? Die Geschichte der „Forza“ ist eigentlich die eines modernen „Ehren-Mords“. Keine ominöse „Macht des Schicksals“ waltet hier, sondern die menschliche Unfähigkeit zu vergeben und männliche Aggression, die hasserfüllt nicht eher Ruhe gibt, bis mehrfache Rache vollzogen ist. Diese Geschichte mit Bildern der Welt-(Kriegs-)Geschichte zu illustrieren, macht sie nicht verständlicher, sondern verkleinert sie.
Weltklassesänger retten und tragen den Abend: Nicht nur gönnt Verdi der Leonora die größte musikalische und charakterliche Entwicklung – auch wenn sie im gesamten, langen dritten Akt nicht auftritt -, die Harteros erfüllt das mit musikalischer Intensität und einem in jeder Lage bis hin in die fantastisch Spitzentöne runden, gehaltvollen, kostbaren Soprans. Jonas Kaufmanns ebenfalls dunkel geerdeter, nicht minder charakteristischer Tenor passt als Don Alvaro zu dieser Stimme und dieser Frau, als wäre er dafür geschaffen. Auch er agiert, als hätte er diese Partie schon dutzendfach gesungen. Wenn die beiden zusammen auf der Bühne sind (leider selten in dieser Oper), dann ist das Glück vollkommen. Aber auch wenn Kaufmann auf den hasserfüllten Bruder Don Carlo di Vargas in Gestalt des ebenso kernigen, wie herrlich strömenden (Verdi-)Baritons von Ludovic Tézier trifft, ereignet sich Große Oper. Sogar Vitalij Kowaljow in der Doppelrolle des bösen und des guten „Padre“, also als Marchese di Calatrava wie als Padre Guardiano, überzeugt mit warmem, intensivem Bass. Nur schade, dass Asher Fisch am Pult zwar zwischen Bühne und Graben präzise vermitteln kann, das Bayerische Staatsorchester aber oft allzu simpel lärmen lässt und kaum je Feinschliff oder sehnige Flexibilität des Klangs erreicht.
Kostenloser Livestream der Vorstellung am 28. Dezember 2013 (18 Uhr) über www.staatsoper.de/tv 

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