Kritik: Haitink Pollini Wien

Konzertkritik Haitink und Pollini mit Beethoven: Im Geiste Abbados

Maurizio Pollini und Bernhard Haitink Fotos: Mathias Bothor/DG und Clive Barda

Maurizio Pollini und Bernhard Haitink zeigen zusammen mit dem "Orchestra Mozart" aus Bologna im Wiener Musikverein, wie spannend Beethoven ohne Kraftmeierei sein kann.
Von Derek Weber
(Wien, 4. Dezember 2013) Typisch Abbado: Eben wird bekannt, dass der italienische Dirigent auf sein italienisches Senatorengehalt zugunsten der Musikschule in Fiesole bei Florenz verzichtet. Stattdessen soll das Geld in Stipendien für begabte junge Musiker fließen. Seine zwei Konzerte mit dem von ihm gegründeten "Orchestra Mozart" aus Bologna im Wiener Musikverein am vierten und fünft Dezember musste er – wie schon andere Konzerte in Japan und Europa im Herbst – aus gesundheitlichen Gründen absagen. Wer Claudio Abbado kennt, weiß, dass es dafür gewichtige Gründe geben muss. Insofern bedeutet die Wiener Absage nichts Gutes. Und doch bleibt immer die Hoffnung, dass er – wie schon im Jahr 2000, als seine schwere Krankheit ausbrach – mit Hilfe der Musik wieder zu Kräften kommt.
So kehren wir zum eigentlichen Anlass dieses Artikels zurück: Es entspricht beileibe nicht der durchschnittlichen Erfahrung, dass der Einspringer das hält, was der ursprünglich Vorgesehene versprochen hat. Doch gibt es hin und wieder Glücksfälle. Ein solcher trug sich am jetzt im Wiener Musikverein zu. Bernhard Haitink, in Österreich und anderswo als großer Bruckner-Dirigent hochgeschätzt, trat – wie schon bei zwei anderen europäischen Konzerten im November – ans Pult des "Orchestra Mozart" aus Bologna, des letzte in einer ganzen Reihe von Jugendorchestern, die Claudio Abbado in seinem Leben gegründet hat.
Der Pianist des Konzerts freilich musste nicht ausgewechselt werden. Maurizio Pollini, mit Abbado seit den 1960er-Jahren befreundet – seit einem unglaublich kurzen halben Jahrhundert! – war der Solist bei Beethovens letztem Klavierkonzert, das zwar schon 1811 uraufgeführt und dem habsburgischen Erzherzog Rudolf gewidmet wurde, aber 1812 auch bei einer Wiener Akademie am Geburtstag des österreichischen Kaisers gegeben wurde und daher im Englischen den Beinamen "Emperor" erhalten hat.
Und Pollini hatte in Haitink einen Partner, der in seinem eigenen und in Abbados Geist diesem meist zu kruder Brillanz verurteilten Werk zu akzentuierter Präsenz verhalf. Mehr als sonst wurde der Mittelsatz mit der sehr genauen Spielanweisung "Adagio un poco moto" (frei übersetzt: behutsam, und doch mit innerer Bewegung) zum Scharnier des Konzerts.
Pollini gehört zu den wenigen, die Beethovens Melodien in ein schlichtes, von innen kommendes Singen verwandeln können. Und wenn dann ein Einspringer an seine Seite tritt, der mit über achtzig begonnen hat, Beethoven neu zu denken, stellt sich ein Gleichklang ein, der meilenweit vom Konzertalltag entfernt ist. Das Adagio lässt der Dirigent so präzis beginnen, dass Pollini es bloß aufnehmen und weitertragen muss, was ihm vom Haitink vorgegeben ist. Da wird das sogenannte Einfache zu einem Ereignis, das man "modern" nennen möchte, wenn man nicht wüsste, dass es auf den Klang der Beethoven-Zeit Bezug nimmt. Da haben sich zwei gefunden, die mit Behutsamkeit, Geradlinigkeit und dennoch großem Atem zu Werke gingen, auch wenn man den Eindruck hatte, dass Pollinis linke Hand in den Ecksätzen zumal in den Läufen schon kräftiger zugepackt hat.
Und Haitink allein? Ein Klasse für sich. Und würde man nicht ältere Aufnahmen von Beethovens "Pastorale" wie die von Erich Kleiber kennen, würde man wohl sagen: Schön erfunden, diese raschen Tempi der ersten beiden Sätze! Bei keinem Kopfsatz der Beethoven-Symphonien liegen die Auffassungen der Dirigenten so weit auseinander wie bei diesem "Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande", bei dem der helle Bach und das helle Bewusstsein eins werden: Schon durch den ersten Satz hört man das Wasser sprudeln und in den Flöten gischten. Fast schubertisch hört sich das bei Haitink an, genauso wie die Landleute in einem raschen Scherzo-Tempo und wohl ein wenig betrunken-übermütig ihren Ländler poltern lassen, als hätte Joseph Haydn sie ins Burgenland gelockt, ehe das Gewitter sie mit Effekt, aber weniger naturbrausewindig als gewohnt weiter zu ihren "dankbaren Gefühlen" führt.
Claudio Abbado hätte sicher manches anders gemacht. Aber die grundsätzliche Ebene wäre wohl so verschieden nicht gewesen. Denn auch er hat viel von denen gelernt, die man "Originaltöner" nennt, vor allem was den sparsamen und intelligenten Gebrauch des Streichervibratos betrifft.
Das ist nicht nur Musik auf der Höhe der Zeit. Es erzählt vielleicht auch von dem großen Gewinn, den ein Dirigent daraus ziehen darf, dass er mit jungen Musikern wie jenen des "Orchestra Mozart" vorgeblich Altbekanntes erarbeitet. Da ist – zumal bei einem Orchester, das es gewohnt ist, unter dem großen Musikerzieher Abbado zu arbeiten – von Routine keine Spur. Insofern war es wohl kein Trug, dass man das Gefühl nicht los wurde, der Geist des italienischen Dirigenten schwebe im Raum.

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