Kritik: Gurrelieder mit Simon Rattle

Konzertkritik Rattle dirigiert Gurrelieder: Maximalwerk

Simon Rattle Foto: Monika Rittershaus

Die Berliner Philharmoniker und drei Chöre brillieren mit Schönbergs "Gurreliedern" unter der Leitung von Simon Rattle
Von Robert Jungwirth
(Berlin, 26. Oktober 2013) Was für ein Spektakel! Zehn Kontrabässe, vier Harfen, sieben Posaunen – darunter eine Kontrabaßposaune –  sieben Klarinetten, 10 Hörner –  die Auswahl mag genügen, um die Dimensionen anzudeuten, mit denen man es bei Arnold Schönbergs „Gurreliedern“ zu tun hat. Dazu kommen fünf Gesangssolisten, ein Sprecher sowie Männerchor und gemischter Chor. Das mit Unterbrechungen von 1900-1911 komponierte Werk zählt zu den größtbesetzen der gesamten Orchesterliteratur. In ihm zieht Schönberg, ähnlich wie Gustav Mahler in seinen Symphonien, gewissermaßen ein Resümee spätromantischen Komponierens. Es sind Maximalwerke, die keine Steigerung und keine Fortsetzung mehr zuließen. Nach ihnen nahm die Musikgeschichte einen anderen Verlauf. Und dafür hat kein anderer als Schönberg selbst maßgeblich gesorgt, mit der Hinwendung zur freien Tonalität, kleinen Besetzungen und der Entwicklung der Zwölftonlehre. Mit den „Gurreliedern“ komponierte Schönberg sich also das 19. Jahrhundert von der Seele. Und wie furios er das gemacht hat, beweist jede Aufführung dieses überbordenden Werks. Es rekurriert geradezu schamlos auf Wagner wie auf Strauss. Es klingt verdächtig nach dem „Ring“ und natürlich auch nach dem „Tristan“, aber auch nach dem „Rosenkavalier“, der zur selben Zeit entstand.
Nachtdunkel wie „Tristan“ ist auch die tragische Liebesgeschichte von König Waldemar und seiner Geliebten Tove nach der Legende des dänischen Dichters Jens Peter Jacobsen. Im Dämmerlicht beginnt die Handlung, die im Eifersuchtsmord an Tove durch Waldemars Frau zunächst ihr grausames und düsteres vorläufiges Ende findet. Doch hier schließt sich gewissermaßen der „Holländer“ an den „Tristan“ an. Denn Waldemar geistert ruhelos als Untoter durch die Nacht und feiert in geisterhaften Beschwörungen die Auferstehung seiner großen Liebe: „Mit Toves Stimme flüstert der Wald, mit Toves Augen schaut der See, mit Toves Lächeln leuchten die Sterne…“ Bis Schönberg einen Sonnenaufgang komponiert, der alles in gleißendes, hoffnungspendendes Licht taucht. Dieser Sonnenaufgang mit vielfach geteilten Riesenchor (Rundfunkchor Berlin, der MDR Rundfunkchor und der WDR Rundfunkchor) war in der Berliner Philharmonie mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle von so überragender Wirkung, dass man glaubte, Schönberg habe hier multiple Orgasmen komponiert: Ein noch strahlenderer, lichterer Höhepunkt folgte dem nächsten.
Rattle und die Berliner brachten insgesamt eine wahrhaft umwerfende Aufführung dieses überaus anspruchsvollen Werks zustande, bei der die Überwältigung nicht durch dicken Pinselstrich, sondern durch Transparenz, Plastizität und differenzierte Klanglichkeit erreicht wurde – und durch eine technische Brillanz und Suggestivität, die ihresgleichen hat.
Sicher wirkte auch das „Große Ohr“, als das die gerade ihren 50. Geburtstag feiernde Philharmonie einmal bezeichnet wurde, mit am fantastischen klanglichen Gesamteindruck. Der Saal befördert auf ideale Weise den klanglichen Reichtum solcher Werke. Soile Isokoski gab eine anrührende, gleichwohl stimmlich starke Tove, die nur in den tieferen Registern in einen etwas meckernden Duktus verfiel, Stephen Gould einen in der Höhe strahlend kraftvollen Waldemar, der auch noch über das fortissimo des Orchesters  hinwegsang. Phänomenal und zu einem Höhepunkt des Abends wurde das Lied der Waldtaube in der Interpretation der beeindruckend tiefgründig klingenden Mezzosopranistin Karen Cargill. Die drei Chöre, lieferten ebenfalls eine phantastische Leistung ab.
Man fühlte sich im Publikum gewissermaßen als Teil des Klangs, so unmittelbar und direkt wirkte er auf die Zuhörer ein und so präzise und souverän wurde er gestaltet. Eine herausragende Aufführung, für die Rattle, die Musiker und die Sänger lautstark gefeiert wurden.

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