Kritik: Gergiev Strawinsky

Konzertkritik Valery Gergiev: Strawinsky pur

Valery Gergiev Foto: Alexander Shapunov/Münchner Philharmoniker

Valery Gergiev empfiehlt sich mit dem ersten Teil seines Strawinsky-Zyklus‘ bei seinem zukünftigen Orchester, den Münchner Philharmonikern, als unumschränkte Autorität in Sachen slawischem Repertoire.
Von Robert Jungwirth
(München, 19. Dezember 2013) Proteste vor der Philharmonie gab es beim zweiten Konzert mit Valery Gergiev und den Münchner Philharmonikern am Donnerstag keine mehr  – dafür wurde der Dirigent beim Betreten der Bühne der Philharmonie von einigen Personen mit Buhrufen begrüßt. Mag sein, dass Gergiev sich in den Augen mancher nicht entschieden genug von der seltsamen russischen Gesetzgebung zum angeblichen Schutz vor Kindesmissbrauch distanziert hat. Schwulenfeindlichkeit kann man ihm aber wohl tatsächlich nur mit viel üblem Willen unterstellen. Gerade nachdem sich Gergiev mehrfach unmissverständlich gegen jede Art von Diskriminierung ausgesprochen hat. Zuletzt in einem Brief an den Münchner Kulturreferenten, davor in einer Pressekonferenz der Münchner Philharmoniker (siehe Artikel auf KlassikInfo vom 17. Dezember). Man kann dem zukünftigen Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker also sicher nicht vorwerfen, er würde die gegen ihn gerichteten Vorwürfe nicht ernst nehmen. Von daher wäre es eine Geste guten Benehmens gewesen, sich zumindest im Konzertsaal mit Protestäußerungen zurückzuhalten. Aber offensichtlich neigen einige Menschen diesseits wie jenseits der russischen Grenze zu Übertreibungen…
Es war richtig, dass Gergiev auf die Buhrufer im Konzertsaal weiter nicht reagiert hat und stattdessen einfach zu dirigieren begann. Auch für die Musiker war der Protest vor Beginn des Konzerts sicher eine eher unangenehme Erfahrung. Man brauchte also ein bisschen, um sich in die Klangwelt von Strawinskys Bläsersymphonien einzuhören – nicht nur wegen Strawinsky. In diesem 1920 entstandenen Stücken für 20 Bläser hört man noch den Nachhall des „Sacre“. Die Bläser der Philharmoniker spielten diese rhythmisch und harmonisch höchst diffizile Musik sehr konzentriert und mit geschlossener Klanglichkeit. Die nachfolgenden „Russischen Tanzszenen mit Gesang und Musik“ „Les Noces“ (Die Hochzeit) gelangen nicht minder überzeugend. Ganz hervorragend auch der Philharmonische Chor München (einstudiert von Andreas Herrmann). Die russische Idiomatik ging den Sängerinnen und Sängern so geläufig über die Lippen, als hätten sie nie etwas anderes gesungen. Gergiev sorgte seinerseits für lebendiges, ja handfestes, dabei immer delikat aufeinander abgestimmtes und ausgehörtes Musizieren – ganz im Sinn eines farbenfrohen Bilderbogens einer ländlichen Hochzeit; bei der es (zumindest früher) auch mal etwas handfester zugehen konnte: „Liebe sie mit wahrer Liebe und verprügle sie wohl, wenn es sein muss“ – russisch rustikal also. Allerdings stammen die verwendeten Texte aus dem frühen 19. Jahrhundert bzw. aus noch früherer Zeit.
Vier Klaviere und sechs Schlagzeuger, dazu Chor und Solisten, das ist die Besetzung von „Les Noces“, entstanden während des Ersten Weltkriegs in der Schweiz. Der klangliche Charakter erinnert unmittelbar an die Chorwerke Carl Orffs – mitunter meint sogar direkte Entsprechungen zu dessen „Carmina“ zu vernehmen. Ja, es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass Orffs Welterfolg ohne diese Komposition von Igor Strawinsky kaum vorstellbar wäre. Allein ein Vergleich mit der Passage „tempus est iucundum“ öffnet Augen und Ohren! Bis hin zu den Themen  Hochzeit und Hochzeitsnacht, die ja ebenfalls in Orffs dreiteiligem Zyklus „Trionfi“ von zentraler Bedeutung sind. Ganz ausgezeichnet agierten auch die Gesangssolisten Irina Vasilieva, Sopran, Olga Savova, Mezzo, Alexander Timchenko, Tenor und Ilya Bannik, Bass.
Fast ein wenig zu viel des Guten war die noch vor dem „Feuervogel“ nach der Pause eingestreute (kurze) Kantate für Männerchor und Orchester „Le Roi des Étoiles“ (Der König der Sterne) nach einem Gedicht des russischen Symbolisten Konstantin Balmont aus dem Jahr 1911, die Strawinsky ganz im Eindruck von Debussys Oratoriums „Le Martyre de Saint Sebastien“ komponiert hat und die zumindest teilweise auch ein wenig daran erinnert – obgleich Strawinsky zu der Zeit gerade an seinem „Sacre“ arbeitete.
Danach schließlich Strawinskys Durchbruch als Komponist: „Der Feuervogel“ von 1910. Nur ein Jahr trennt diese Komposition von seinem Skandal-Stück „Le Sacre du Printemps“ – und doch scheinen Welten dazwischen zu liegen. Erst gegen Ende des „Feuervogels“ gelangte Strawinsky in die klangliche Nähe zum „Sacre“. Davor erinnert noch vieles an seinen Lehrer Rimsky-Korsakow, dessen Sohn die Komposition auch gewidmet ist. Hier zeigten sich dann doch im Orchester ein paar Ermüdungserscheinungen, die atmosphärische Kleinteiligkeit des Zaubergartens zu Beginn lief nicht 100% rund. Im Verlauf aber war man wieder konzentrierter bei der Sache und lief beim apotheotischen Schluss nochmal zu Bestform auf.
Auffallend, wie exakt Gergiev dirigierte, ganz ohne sein sonstiges nervöses Händeflattern. Die Chemie zwischen ihm und den Musikern der Münchner Philharmoniker jedenfalls scheint zu stimmen – jenseits aller aktuellen äußerlichen Irritationen. Das klangliche Ergebnis ist beeindruckend und zeigt, zu welchen Leistungen dieses Orchester fähig ist. Man darf sich auf die Fortsetzung des Strawinsky-Zyklus freuen.

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