Kritik: Faust Zürich Breslik

Premierenkritik Pavol Breslik singt Faust: (Alp-)Traum des saturierten Großbürgers

Amanda Majeski und Pavol Breslik Foto: Tanja Dorendorf

Jan Philipp Gloger inszeniert Gounods „Faust“ mit Pavol Breslik in der Titelpartie in Zürich
Von Klaus Kalchschmid

(Zürich, 3. November 2013) Der reiche Großbürger Faust hat eine attraktive Frau und reizende Kinder, aber wie da von edlem Silber bei Kerzenlicht mit gebührendem Abstand voneinander gespeist wird, das offenbart alle Kälte dieser Vernunftehe. Bevor er nicht mehr der Mann in den besten Jahren ist, fragt sich dieser „Herr Doktor“, wo die Leidenschaft seines Lebens geblieben ist, wo das Begehren, vielleicht auch die Liebe; ob es das für immer gewesen sein soll. Dem Suizid mit dem abgeschlagenen scharfen Rand des teuren Weinglases kommt die Frau zuvor, doch dann ruft Faust nach dem Satan – und der erscheint in Gestalt eines edlen Herrn wie aus vergangenen Zeiten. Und schneller als der unbefriedigte Gatte und Vater die Tragweite des Ganzen ermisst, hat ihm der Verführer eine schöne, neue, junge und vitale Welt vorgegaukelt und Faust unterschreibt den Teufelspakt. Am Ende kauert dieser Mann zusammengebrochen auf leerer Bühne, Frau und Kinder erscheinen ihm wieder – als weniger verheißungsvolle oder beruhigend sichere, denn bedrohliche Fata Morgana.
Jan Philipp Gloger siedelt Charles Gounods „Faust“ an der Züricher Oper am Ende des zweiten Kaiserreichs an (also ca. 1870) und lässt Faust nicht sich verjüngen, sondern zeigt einen Mann, der noch einmal das Leben genießen will und den ultimativen Kick sucht. Das ist eine Entscheidung, die die Inszenierung von der ersten Szene an intensiv beglaubigt. Gloger nimmt die Musik in ihrer eigentümlichen und sehr französischen Mischung aus Opéra comique und Grand opéra ernst und ironisiert sie zugleich. So atmet die Aufführung in den detailgetreuen, bedrückend einheitsschwarzen Kostümen von Karin Jud das Pariser Flair des späten 18. Jahrhunderts und auch das der Entstehungszeit der Oper um 1860. Da tanzen (auch männliche) Kokotten in üppigen Röcken CanCan, gehen die Bürger auf die Barrikaden, endet das wahnsinnig gewordene Gretchen alias Marguerite unter der Guillotine.
Im ersten Teil – der alle Wunschkonzert-Nummern enthält und dramaturgisch etwas aus dem Leim geht – läuft vieles nicht rund, was schon mit einem in der Premiere noch unsicher tastenden Orchester beginnt. Viele Sänger sind Rollendebütanten, wie Pavol Breslik in der Titelpartie. Und das spürt man. Anfangs fühlt sich der sonst auch als Darsteller so überzeugende junge Slowake im akustisch ungünstigen offenen Bühnenbild, das gusseiserne Bahnhofsarchitektur ebenso spiegelt wie es ein Theater sein kann, sichtbar unwohl. Sängerisch setzt er allerdings mutig alles auf eine Karte. Er beginnt etwa heikle Spitzentöne im eher farbarm verhaltenen Pianissimo und lässt sie dann erst anschwellen, obwohl er mit einem Forte auf Nummer sicher hätte gehen können.
Nach der Pause, wenn das Drama im vierten Akt seinen Lauf nimmt, die Partitur dichter und musikdramaturgisch konziser wird und alles in die Katastrophe mündet, agieren die Sänger selbstverständlicher, schärft sich die Inszenierung, stimmt das Timing zwischen Bühne und Graben: perfekt in Licht, Musik und Bild sind jetzt die Schnitte oder nahtlosen Überlagerungen von realen und irrealen Szenen. Und auch die Sänger laufen zu Hochform auf: Allen voran Kyle Ketelsen als Méphistophéles, der als erotischer Verführer trotz gerade überstandener Erkältung herrliche Bassbariton-Qualitäten offenbart und eine schlangengleich wendige Körpersprache. Amanda Majeski, die wie der Amerikaner zum ersten Mal am Opernhaus Zürich singt, verkörpert eine anmutige, selbstbewusste Marguerite, die das auch stimmlich spiegelt. Ihr Sopran hat nicht die fast soubrettenhafte Leichtigkeit, mit der man sonst die Partie besetzt, sondern eine schöne, herbe Klarheit. Ein manchmal zu starkes Vibrato und leichte Schärfe in der Höhe fallen da nicht ins Gewicht, zumal sie auch eine hervorragende Darstellerin ist. Pavol Breslik singt sich im Kampf um Marguerite frei und findet auch als Darsteller zu sich, wenn er, sie befreien wollend, zu ihr in den Kerker steigt. Und im emphatischen Schluss-Duett der beiden werden endlich die Emotionen expressiv freigesetzt.
Auch die Nebenrollen sind adäquat besetzt: allen voran der Kanadier Elliot Madore als Marguerites Bruder Valentin. Dessen Sterbeszene sang und spielte der erst 24-Jährige mit virilem und jugendlich entflammbarem Bariton denkbar intensiv und mit schmerzlichem Realismus. Auch die Hosenrolle des jungen, in Marguerite verliebten Siebel gestaltete die junge Anna Stéphany mit feiner Mezzo-Intensität.
Nun verdichtete sich auch das Orchester des Opernhauses Zürich – neuerdings Philharmonia Zürich genannt – unter der Leitung von Patrick Lange zu einem farbig aufgefächerten Klang, minutiös verzahnt mit der Szene und zwischen dramatischer Expression und fast operettenhaft überdrehter Grellheit exquisit vermittelnd.   
 

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