Kritik: Dorian Gray Bratislava

Premierenkritik Dorian Gray als Oper: Der Fluch der ewigen Jugend

Eric Fennell als Dorian Gray Foto: Jozef Barinka

An der slowakischen Nationaloper Bratislava wurde Ľubica Čekovskás Oper "Dorian Gray" nach Oscar Wilde erfolgreich uraufgeführt.
Von Sabine Weber
(Bratislava, 8. November 2013) Knabensopranstimmen schallen geisterhaft durch den Raum. Hell, rein und doch irritierend. Das Unbehagen bestätigt sich. Trommeln eröffnen eine atemlose Jagd. Das Orchester blendet im Prolog massive Tuttiblöcke auf, die wieder ausgeblendet werden. Ein Motiv bohrt sich immer wieder ins Klangbild. Schrille Bläser quietschen. Das alles dauert keine zwei Minuten. Aber es genügt, das unaufhaltsame Drama der nächsten 120 Minuten anzudeuten. Und schon öffnet sich der Vorhang. Ein rauchender Lord mit Schnurrbart räkelt sich auf einem grüngelben Sofa vor einer verschlissenen Jugendstil-Stuckwand, der Maler steht mit Palette vor einem verhängten Bild. Lord Henry will das Bild sehen, Basil es nicht preisgeben. Als er es endlich lüftet, ist Henry wie vom Schlag gerührt. Die Zeit bleibt stehen. Und wieder ist die von Knaben a capella gesungene Melodie mit dem teuflischen Intervall zu hören. Diabolus in musica heißt dieses Intervall. Der Teufel steckt also von Anfang an leitmotivisch in der Musik und in dem Bild, dem Kunstwerk, das das Drama auslöst, und in dessen Verlauf fünf Menschen zu Tode kommen. Wehe dem, der Schönheit mit dem Leben verwechselt!
Es ist ein wunderbarer Einfall von Ľubica Čekovskás, das Bild als handlungsstiftendes Symbol akustisch mit Stimmen aus dem „off“ zu „visualisieren“. Es geht ja um die Schönheit eines Menschen, die diesem erst von außen – durch ein Kunstwerk – ins Bewusstsein gerückt wird. Schönheit hat mit Projektion zu tun! Der Schönheitswahn wird von Menschen gemacht. Regisseurin Nicola Raab hat Čekovskás Idee weitergeführt. Das Portrait ist nie zu sehen. Auch nicht das alternde, das nach Oscar Wilde ja anstelle von Dorian Gray nicht nur altert, sondern immer grausamere Züge annimmt. Das alles bleibt der individuellen Vorstellung überlassen, angeregt durch die „Voices of the picture“. In der letzten Szene klingen die elektronisch verfremdeten Knaben wie die inneren Stimmen eines Wahnsinnigen. Dorian ist dem Wahnsinn nahe. Seine erste Liebe und einen ehemaligen Lotterkumpanen hat er in den Selbstmord getrieben, den Künstler Basil ermordet. Und jetzt „ermordet“ er auch noch die Kunst, das Bild, um dem Fluch der ewigen Jugend zu entkommen! Was für eine abstruse Geschichte! Dorian steigt in dieser Inszenierung durch den Rahmen, wie Jean Marais in Jean Cocteaus berühmtem Orpheus-Film durch den Spiegel in die Unterwelt tritt.

„Dorian Gray“ – auch im Titel fehlt das Bildnis – ist Ľubica Čekovská erste Oper und ein sicherer Wurf. Ein Klavier- und ein Violinkonzert hat sie bereits komponiert. Aus einer Familie von Populärmusikern kommend, sichert sie sich seit längerem ohne Berührungsängste ihr Komponistendasein mit Filmmusik ab. Klangmassen entfesselt sie ebenso perfekt, wie sie diese auch organisiert oder einzelne Instrumente kammermusikalisch aufblendet und fokussiert. Auch sich wiederholende Dreiklänge können absichtsvoll naiv den Grad zwischen Harmlosigkeit und Durchtriebenheit schmaler und schmaler werden lassen.

An der Guildhall School in London hat Ľubica Čekovská bei Thomas Adès studiert. Die Freude an rhythmisch energetischen und sich überlagernden Bewegungsmustern mag darauf zurückgehen . Aber auch Bernhard Hermanns schwindelerregende Vertigo-Musik kommt einem in den Sinn. Wenn Dorian ein Theater-Varieté besucht, wirbelt Zirkusmusik auf. Die Geliebte Sibyl tritt im Walzertakt auf die Bühne. Aber auch die sanften Partien fehlen nicht. Eine Harfe hat im ersten Akt effektvolle Soloeinsätze oder die Celli singen herzergreifend im Tutti. In einer slowakischen Tradition – etwa der Komponisten Eugen Suchoň oder Ján Cikker, die hier die musikalischen Nationalheiligen sind und deren heute vergessene Opern zu DDR Zeiten viel im deutschen Osten gespielt wurden, möchte sie sich nicht sehen. Leoš Janáčeks Behandlung des Sprachklanges habe sie bei der Komposition der Stimmpartien aber sehr wohl begleitet. Den englischen Sprachklang hat sie genauestens studiert, um das englische Libretto sprachnah vertonen zu können. Die Dialoge wirken auch natürlich. Eine der dramatischsten Szene ist die Auseinandersetzung zwischen Dorian und Alan Campbell, den er im letzten Akt bösartig erpresst. Es gibt einige Ensembleszenen. Auch wenn die Psychologie, die den jungen Dandy in den Abgrund stürzt, aus heutiger Sicht nicht ganz nachvollziehbar wird, reihen sich die unterschiedlichen Stationen in Richtung Wahnsinn großartig aneinander. Das ist auch dem Drehbühneneffekt zu verdanken, mit dem Anna Marie Legenstein und Alix Burgstaller aus Dorin Grays Wohnzimmer auf die Varietébühne, in eine Opiumhöhle oder auf den Dachboden ’switchen‘, wo das verfluchte Bild steht. Vielmehr der Bilderrahmen. Aus bestimmten Perspektiven erscheint das Bühnenbild immer auch wie eine gotische Kirchenruine.

Das Nationalorchester im Graben unter dem noch jungen englischen Dirigenten Christopher Ward bringt die düster dräuenden Stimmungsbilder in jedem Moment auf den Punkt! Übrigens gehören bis auf den Tenor Eric Fennell, der die Partie des Dorian Gray mit einer gewissen Enge durchaus typisch englisch interpretiert, gehören alle Sänger zum Ensemble der slowakischen Nationaloper. Sehr klar und gut geführt klingt Helena Becse-Szabós Sopran in der Rolle der Sibyl. Mit großer Stimme überzeugen auch der Bariton Aleš Jenis als Lord Henry und der Bass Ján Galla als Basil, der an der Deutschen Oper in Berlin schon einige Mal gastiert hat. Martin Gyimesi als Alan Campell ist eine Entdeckung aus dem hiesigen Opernchor, wie der Musikdirektor der Oper Bratislava, Friedrich Haider, vor der Premiere erzählt. Singen hat in Bratislava eine große Tradition. Mit Lucia Popp und Edita Gruberova auch große Namen. Ursprünglich gab es eine Tramlinie direkt von der Wiener Oper bis vor die Haustür des alten Nationaltheaters, das ja von denselben Theaterbauern Fellner und Helmer 1886 erbaut würde wie das Wiener Haus am Ring. Die Entfernung beträgt nur 60 Kilometer. Heute kommen die Wiener mit Bussen. Zur zweiten Vorstellung tags darauf sollen 60 Busse aus Wien angerollt sein. Aber die Oper wird ja noch einige Male gezeigt. Und außerdem hat mit dieser Opern-Premiere auch das Melos-Ethos Festival für Neue Musik seine Tore zum 12. Mal. Weitere spannende slowakische Komponisten sind bis zum 15. November noch zu entdecken.

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