Kritik: Dialoge Festival 2013

Konzertkritik Dialoge Salzburg: Nachtschattenmusik

Musiker des Klangforum Wien, Georg Friedrich Haas und Clement Power unten: Tamara Stevanovich Fotos: Stiftung Mozarteum

Musiker des Klangforum Wien, Georg Friedrich Haas und Clement Power unten: Tamara Stevanovich Fotos: Stiftung Mozarteum

Zum Auftakt des Salzburger Dialoge-Festivals unterhielten sich Charles Ives, Georg Friedrich Haas und Wolfgang Amadeus Mozart miteinander.
Von Robert Jungwirth

(Salzburg, 27. November 2013) Auch wenn das diesjährige Salzburger Dialoge-Festival unter dem Thema "Licht" steht, ging es im Eröffnungskonzert vor allem um Dunkelheit. So fordert der Komponist Georg Friedrich Haas in seinem für das Festival entstandenen Chor- und Orchesterstück "Wohin bist Du gegangen?" nach ein paar Takten das Verlöschen des Saallichts bis zur völligen Dunkelheit – was in Salzburg ja bekanntlich unmöglich ist (wie wir seit Thomas Bernhard wissen). Chor und Orchester singen und spielen auswendig, wobei die Partitur auch viele Freiheiten für Improvisation gewährt. Langsam nach unten fallende Glissandi wandernd durch den Raum – der Chor ist links und rechts im Rang des großen Mozarteumssaal verteilt – wabernde Klangflächen in mikrotonalen Schwebezuständen wechseln sich ab mit massiven Clustern, Sprechgesang mit Vokalisen, Schlichtes mit Elaboriertem. Eine seltsame Mischung, die gelegentlich an Orff, dann wieder an happeningartige Gemeinschaftsimprovisationen erinnert. Inhaltlich geht es in dem Stück um die Themen Abschied, Trauer, Verlassenheit, die Haas mit „Gesten der Fassungslosigkeit" musikalisch zu fassen versucht. Das wirkt manchmal geradezu bestürzend suggestiv, manchmal auch seltsam schlicht. Hervorragend umgesetzt vom Klangforum Wien und dem Salzburger Bachchor war es allemal, und auch das Publikum zeigte sich angetan von dieser düsteren Kantate.
Das andere Schattenwerk des Abends "Central Park in the dark" von Charles Ives gab dem Konzert auch seine Überschrift – die natürlich passenderweise „Mirabellgarten in the dark“ hätte lauten müssen…
Ives geheimnisvoll-illustratives Nachtschattenstück, in dem sich zu den Klängen der nächtlichen Natur auch jene von Menschen und Maschinen (und natürlich wie fast immer bei Ives die von Blaskapellen) mischen hat seit seiner Entstehung 1906 nichts von seiner Wirkungskraft verloren, was das Klangforum Wien unter der Leitung von Clement Power einmal mehr deutlich machte.
Überhaupt Charles Ives. Er ist neben Haas post mortem gewissermaßen Composer in residence dieses Dialoge-Festivals. Wie wegweisend kühn und inspirierend dieser amerikanische Komponist war und noch immer ist, konnte man auch in seinen Three Quarter Tone Pieces für zwei Klaviere von 1923/24 hören, deren Vierteltönigkeit für die damalige Zeit im wahrsten Sinn „unerhört“ war und die auch im Schaffen Georg Friedrich Haas‘ ihren Widerhall finden – engagiert und anschaulich gespielt von Joonas Ahonen und Florian Müller.
Der Höhepunkt des Abends neben der Haas-Uraufführung aber war Ives überdimensionierte erste Klaviersonate, die unter den zupackenden Händen von Tamara Stefanovich den Flügel schier zum Bersten brachte. Manchmal schien es, als würde man zwei Stücke von Liszt und Skrjabin gleichzeitig hören, so aberwitzig sind die Akkordballungen und Läufe darin. Dann mischt Ives plötzlich wieder Trivialmusik darunter oder lässt einen Ragtime durch die Partitur huschen. Von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen könnte man Ives Kompositionsweise beschreiben – eine enorme Herausforderung jedenfalls für jeden Pianisten. Tamara Stefanovich bewältigte sie geradezu sensationell mit sicherem Gespür für die augenzwinkernde Heterogenität und Skurrilität dieser Musik.
Zum Dialog zwischen Ives und Haas gesellte sich auch noch Mozart mit zwei Stücken, in denen die tonal indifferente Glasharmonika zum Einsatz kommt, die Mozart schwer beeindruckt haben musste – wobei sie nur einmal tatsächlich zu hören war. Beim Adagio in C-Dur, handelte es sich um eine Bearbeitung von Salvatore Sciarrino ohne Glasharmonika. Im Adagio und Rondo in c-Moll und C-Dur dagegen kam das ominöse Instrument unter den kundigen Fingern der Glasharmonika-Virtuosin Christa Schönfeldinger mit all seinen Möglichkeiten zum geheimnisvoll klingenden Einsatz. Eine überaus kunstvolle und gehaltvolle Komposition aus dem Sterbejahr Mozarts – und durchaus keine Nachtmusik.

 

 


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