Kritik: Britten-Triologie Düsseldorf

Opernkritik 3 x Britten in Düsseldorf: Einsame Außenseiter

Corby Welch (Peter Grimes), Chor der Deutschen Oper am Rhein Foto: Hans Jörg Michel

In Düsseldorf wird Brittens 100. Geburtstag mit "Billy Budd", "The Turn of the Screw" und "Peter Grimes" gefeiert.
Von Klaus Kalchschmid
(Düsseldorf, 21. bis 24. November 2013) Als alter Mann erinnert sich Captain Vere, wie er einst seinen Vortoppmann Billy Budd dem Kriegsgericht auslieferte, nachdem dieser in Notwehr einen Vorgesetzen tötete, der ihn grundlos verleumdete; eine Gouvernante hält nach so etwas wie unbeabsichtigtem Exorzismus ihren Schützling Miles tot in den Armen; den Fischer Peter Grimes schüttelt am Ende ein Weinkrampf über den (Unfall-)Tod seines zweiten Schiffsjungen, der ihn bald auch sein eigenes Leben kosten wird: Drei einsame Menschen stehen am Ende vor den Trümmern ihres Lebens. Die ihnen anvertrauten Männer verschiedensten Alters konnten sie letztendlich nicht vor dem Tod bewahren.
Wer jetzt innerhalb von vier Tagen Benjamin Brittens personenreiche Opern "Billy Budd" (1951) und "Peter Grimes" (1945), die auf hoher See oder am Meer spielen, sowie dazwischen die Kammeroper "The Turn of the Screw" (1954) erleben konnte, allesamt großartig inszeniert von Immo Karaman, der entdeckt mannigfaltig inhaltliche wie musikalische Querverweise, kann aber auch hören und erfühlen, wie der Komponist eine je eigene musikalische und das Regieteam eine je verschiedene, dabei aber ästhetisch einheitliche bildnerische Welt schufen.
Da ist die reine Männerwelt auf einem Kriegsschiff in "Billy Budd" – gespiegelt in mal kargen, mal ausnehmend düsteren Klängen, im zweiten Akt der hier gespielten Fassung von 1960 einen enormen Sog entwickelnd. Nicola Reichert (Bühnenbild und Kostüme) hat dafür ein bewegliches System an Wänden entworfen, die wie die verschraubten Metallwände eines U-Boots aussehen. Kommuniziert wird bereits über Funk und Telefon, wir befinden uns also zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch die Bühne von Kaspar Zwimpfer für das phantastische Geschehen um die Abhängigkeit zweier Kinder von toten Dienstboten in „The Turn of the Screw“ ist ein variabler (Innen-) Raum und spielt mit der Wahrnehmung des Zuschauers. Wie auf einem Bild von Escher kippen Treppen, wachsen Waschbecken aus dem Boden, spiegeln sich die Figuren beängstigend. Die genialste Lösung fand derselbe Bühnenbildner für "Peter Grimes": eine aus Türen und Fenster zusammengezimmerte steil aufgerichtete große Welle, die ihre ganze Größe und furchterregende Kraft erst allmählich offenbart. Wie bei "Billy Budd" dominiert über Stunden ein düster schimmerndes Stahlblau.
Die Entscheidung Karamans, das Geschehen in allen drei Opern symbolhaft zu überhöhen, geht nicht nur in "The Turn of the Screw" auf, wo es der Stoff nahelegt: In "Billy Budd" schrubbt die Mannschaft anfangs nicht das Deck, sondern den in Unterwäsche auf die Bühne Getriebenen wird ihre Kleidung verteilt. Bei der Vorbereitung des Angriffs auf ein feindliches Schiff dagegen schleppen die Matrosen leuchtend rote phallusartige Munition vor sich her. Da nicht nur Statisten und Choristen die Bühnenelemente verschieben, sondern in einer ausgeklügelten Choreographie (Fabian Posca) nicht zuletzt auch Billy, wird deutlich: "Wir spielen Theater!", aber zugleich erhält die Handlung etwas unerbittlich Schicksalhaftes.
Lauri Vasar ist der ideale Billy, ein attraktiver, kleiner, jungenhaft wirkender Mann mit einem verführerischen, eher dunkel fülligen Bariton, dem man glaubt, dass er mit seinem Charme und seiner Gutherzigkeit alle Männer auf dem Schiff für sich einnimmt, genauso wie er damit Neid, ja Hass eines Vorgesetzen wie Claggart auf sich zieht. Sami Luttinen singt und spielt den Waffenmeister wie einen verknöcherten Schreibtischtäter, der alles – auch das erotische – Empfinden in sich abgetötet hat, sich das nicht verzeiht und nun alles Schöne und Gute vernichten muss. Raymond Very verkörpert die zentrale – wie alle großen Tenorpartien von Britten für seinen Lebensgefährten Peter Pears komponierte – Partie des Captain Vere, Lichtgestalt für die Mannschaft und doch einer, der über den Schatten der unbedingten Pflichterfüllung nicht hinaustreten kann. Very gelingt es, diese Ambivalenz in Stimme und Spiel zu legen – schauspielerisch und sängerisch souverän. Peter Hirsch vermittelt mit den Düsseldorfer Symphonikern fein ausbalanciert zwischen den auf das Nötigste reduzierten, musikalisch fast skelettierten Passagen, dem ausdrucksvollen Melos – wie bei der Szene des seine Hinrichtung erwartenden Billy, der mit Handschellen an eine Leiter gefesselt ist – und den großen Chor-Orchester-Ballungen. Nicht zuletzt die Blechbläser leisten da Außerordentliches.
Tags darauf in "The Turn of the Screw" ist der sonst ungewöhnlich tief abgesenkte Orchestergraben hochgefahren und nur dreizehn Mitglieder der Düsseldorfer Symphoniker spielen aufs Schönste und Lebendigste die ungemein farbige Partitur Brittens, vielleicht seine kunstvollste, dichteste und reichste, die er jemals für das Musiktheater komponiert hat. Sylvia Hamvasi verkörpert mit intensiv schlankem Sopran auch darstellerisch überzeugend als "Die Gouvernante" eine Frau, die nicht weiß, wer sie ist und so durchlässig wird für im schlimmsten Sinne Meta-Physisches. Buchstäblich spiegelt sie sich in der Erscheinung der toten Miss Jessel (Anke Krabbe), wird aber auch zu Boden gezwungen von Peter Quint (Corby Welch), und erlebt wohl ihr erotisches Erwachen durch den Kuss des minderjährigen Miles. Die beiden Dienstboten – die in der zugrundeliegenden Novelle von Henry James nicht sprechen – treten sinnigerweise in Tänzer (Photini Meletiades/Ulrich Kupas) und Sänger gespalten auf. Deren Stimmen scheinen durch den Raum zu wandern, sind nie präzise zu orten. Allein dies ist ein besonderer Gruseleffekt der an beunruhigenden Elementen wahrlich nicht armen Inszenierung, die klugerweise mehr Fragen nach dem Verhältnis der Figuren zueinander stellt, als zu beantworten.   
Auch in "Peter Grimes" sind Corby Welch und Sylvia Hamvasi – beide langjährige Ensemble-Mitglieder der Deutschen Oper am Rhein und demnächst hier Lohengrin und Elsa – in tragenden Rollen zu erleben. Corby Welch singt hier erstmals die Titelpartie, Hamvasi ist Ellen Orford. Der Amerikaner darf in seiner hünenhaften Gestalt und mit weichem und doch fast heldenhaftem Tenor als Idealbesetzung für den jähzornigen, aufbrausenden und doch so verletzlichen und sensiblen Fischer gelten. Die Ungarin nimmt der Partie der Lehrerin alles süßlich Sentimentale und wird so zur bemitleidenswert tragischen Figur. Wieder – wie in "The Turn of the Screw" – dirigiert Wen-Pin Chien. Und nach der fein ziselierten und doch oft dramatisch zugespitzten Kammermusik gelingt es ihm nun (diesmal mit den Duisburger Philharmonikern), nicht zuletzt die berühmten "Sea Interludes" mit ungeheurer Spannung aufzuladen ohne je Brittens exquisite Harmonik zu übertünchen oder die eigentümlich süffigen Musical-Elemente zu isolieren. Jetzt hat auch der Chor der Deutschen Oper am Rhein seinen großen Auftritt und man kann nur staunen über dessen musikalische Qualität einerseits und die Präzision, mit der die Sänger die Vorgaben von Regisseur und Choreograph (Fabian Posca) umsetzen, andererseits. Minutiös spiegelt sich der Ablauf der Eingangsszene am Ende; nicht selten bewegt sich das Kollektiv wie ein bedrohlicher Schwarm Fische in Zeitlupe.
Was die Hamburgische Staatsoper soeben mit einer Trias von frühen Verdi-Opern geleistet hat, das gelingt der Deutschen Oper am Rhein mit dem in seinem Jubiläumsjahr hierzulande nicht gerade ausgiebig gewürdigten Benjamin Britten. Dies aber geschieht szenisch und musikalisch auf einem Niveau, das größeren deutschen Häusern alle Ehre machen würde. Am 14. Juni 2014 findet der Britten-Zyklus der Deutschen Oper am Rhein mit der Premiere von "Death in Venice" in Düsseldorf seinen Abschluss. Gustav Aschenbach singt Raymond Very, es inszeniert wieder Immo Karaman, der bei dieser letzten Oper Brittens bereits vor einigen Jahren am Münchner Gärtnerplatztheater erfolgreich Regie führte.      


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