Kritik: Alina Pogostkina David Afkham Köln

Konzertkritik Alina Pogostkina und Gürzenich-Orchester: Gemeißelte Orchesterpräzision

Alina Pogostkina und David Afkham Fotos: Agentur/Felix Broede

Geigerin Alina Pogostkina und das Gürzenich-Orchester spielten Werke des 20. Jahrhunderts unter der musikalischen Leitung von Daid Afkham in Köln.
Von Christoph Zimmermann  
(Köln, 8. Dezember 2013) Gleich zwei junge Künstler gaben jüngst ihr Debüt beim Kölner Gürzenich-Orchester. Zum einen die Geigerin Alina Pogostkina, zum anderen der Dirigent David Afkham, beide Jahrgang 1983 und auf einer imponierenden Karriereleiter befindlich.   Das Programm enthielt ausschließlich Werke des 20. Jahrhunderts, allerdings solche, die sich – aus unterschiedlichen Beweggründen – einer retrospektiven Musiksprache bedienen. Dennoch wäre Anton Weberns "Passacaglia" (1908) in der tags zuvor von der Oper Köln uraufgeführten Oper "Musik" nach Frank Wedekinds Drama von 1906 sozusagen der letzte Schrei gewesen. Vielleicht hatte der Komponist Michael Langemann mit seiner weitgehend schönklängigen Musik Weberns nostalgisches Opus 1 tatsächlich ein wenig im Visier.  
Alle Vertreter der Zweiten Wiener Schule (neben Webern waren dies sein Lehrer Arnold Schönberg sowie Alban Berg) hatten ihre romantische Frühphase. Schönberg schuf in diesem Rahmen u.a. die Idylle "Im Sommerwind" sowie die "Gurre-Lieder", welchen die Kölner Musikfreunde als musikalischem Good-bye des nach einem Jahrzehnt als GMD sich verabschiedenden Markus Stenz bereits erwartungsvoll entgegensehen dürften. Webern huldigte bei seinem offiziellen Opus 1 mit schmeichelnden, schwelgerischen und großorchestrierten Klängen noch einmal Idealen, die dann kompositorisch mehr und mehr aufgegeben wurden.  
David Afkham, in seiner schlanken Erscheinung und mit seinen beschwörenden Gesten nachgerade hoffmanesk wirkend, gab der gefühlstrunkenen Musik großen Wirkungsraum. Die Interpretation geriet wirklich absolut bezwingend, was der lediglich höfliche Beifall freilich nicht spiegelte, der – traditionelles Schicksal von Introduktions-Stücken – zu keinem zweiten Hervorruf des Dirigenten reichte.  
Zuletzt noch einmal stark aufschäumend, tut sich Béla Bartóks "Konzert für Orchester" in der Gunstwerbung fraglos leichter. Zwei Jahre vor dem Tod des Komponisten (1945) im amerikanischen Exil entstanden, rauscht hier noch einmal das volle Leben vorüber, humorvoll da, pathetisch dort. Diesem durchaus heterogenen Ausdruckskosmos wurde das potente Gürzenich-Orchester mit Verve und Spielkultur gerecht. David Afkham fügte dem Eindruck klanglicher Sensibilität jetzt noch besonders nachdrücklich die Qualität von glühender Vitalität und gemeißelter Orchesterpräzision hinzu.  
Der Pole Karol Szymanowski bleibt nach wie vor für Konzertsaal und Oper zu empfehlen. "Krol Roger" scheint immerhin neu im Kommen; Wuppertal hat das Werk noch in dieser Saison im Visier. Die Violinkonzerte, live eher selten zu hören, sind immerhin in mehreren Interpretationen auf CD greifbar, darunter einer von Frank Peter Zimmermann, Nr. 1 gibt es auch von David Oistrach. Dem zweiten Violinkonzert mit seinem weitläufigen, grundsätzlich aber tonal orientierten Ausdrucksanspruch widmete sich in Köln Alina Pogostkina. Den Karrierestart bei dieser Künstlerin bildete 2005 der 9. Internationale Sibelius Wettbewerb in Helsinki, bei dem sie als erste Deutsche den Sieg davon trug. Seither konzertiert sie mit prominenten Partnern, auch und vor allem im Bereich der von ihr favorisierten Kammermusik. Mit besonderem Engagement widmet sich Alina Pogostkina der zeitgenössischen Musik. So galt ihr jüngstes CD-Projekt dem Gesamtwerk des lettischen Komponisten Petris Vasks.  
Szymanowskis Violinkonzert geht musikalisch sicher nicht auf die Barrikaden, besitzt aber einen sehr individuellen Stil. Alina Pogostkina gab dem Werk bei spieltechnisch optimaler Akkuratesse geigerischen Glanz und Ausdruckswärme. Das Gürzenich-Orchester begleitete unter David Afkham subtil, nur hier und da etwas laut. Die Geigerin bedankte sich für reichen Applaus mit "Recitativo und Scherzo-Caprice" von Fritz Kreisler, der sich auch hier mal wieder als chamäleonhafter Komponist erwies. In diesem Stück ist an Virtuosenanspruch nahezu alles integriert. Die Geigerin machte das wie mit links.  

 

 



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