Krenek Opern Frankfurt

Zwischen Bürgerschreck und Lebensreform

Davide Damiani (Der Diktator) Foto: Barbara Aumüller

Die Frankfurter Oper stellt drei Einakter von Ernst Krenek zur Diskussion und zeigt, was ein Ensemble-Haus alles kann
Von Bernd Feuchtner
(Frankfurt, 2. Mai 2017) Im Jahr 1928 mag es die Bürger noch schockiert haben, wenn in den heiligen Hallen statt Wagner-Weihrauch oder Verdi-Staatsaktionen plötzlich ein Schwergewichtsboxer in einem Leichtgewichts-Stück präsentiert wurde. Heute provoziert das nur noch wenige Zuschauer zum Türenknallen (außerdem waren selbst diese in Frankfurt so nett, die Türe leise zuzuziehen). Bei dem 1926 entstandenen Einakter „Der Diktator“ von Ernst Krenek ist die größte Unwahrscheinlichkeit die, dass der Machtmensch Urlaub in der Schweiz macht – Mussolini hätte sich das nie getraut (der Austrofaschismus gab den Anstoß zu dem Stück). 1927 ließ der österreichische Komponist „Schwergewicht oder Die Ehre der Nation“ folgen, eine Reaktion auf die Äußerung des deutschen Botschafters, die Sportler seien die wahren Botschafter der Nationen. Und die Figur des Boxers Ochsenschwanz ist Max Schmeling nachempfunden, obwohl dieser weder in Sport- noch in Liebesdingen eine so jämmerliche Figur gemacht hat wie sein Operndouble.
Diese beiden kurzen Stücke sind zwar albern, wurden in Frankfurt aber höchst ernsthaft besetzt. Bariton Davide Damiani, ständiger Gast des Hauses, glänzte als psychopatischer Kriegstreiber, und Juanita Lascarro war seine nicht weniger prägnante und koloraturensichere, verzickte Frau. Tenor Vincent Wolfsteiner hingegen durfte sich als Kriegsopfer quälen, dem das Giftgas und die Verschüttung das Augenlicht geraubt haben. Dessen Frau hasst den Diktator hingebungsvoll (Sara Jakubiak), wird von seinem stechenden Blick aber immer mehr in den Bann gezogen – zuerst will sie ihn erschießen, dreimal trifft sie, dreimal überlebt er. Dann verfällt sie ihm. Erschossen wird sie am Ende von der eifersüchtigen Frau des Diktators. Natürlich stand auch Freud Pate bei diesem Todesquartett.
Beim „Schwergewicht“ mimt das ehemalige Ensemblemitglied Simon Bailey den Preisboxer, der ein wenig die Kontrolle über seine Frau (Barbara Zechmeister) verloren hat. Diese treibt es nämlich lieber mit dem Tenor (Michael Porter mit feiner, durchschlagskräftiger Stimme und dem nötigen Schalk). Die Mezzosopranistin Nina Tarandek gibt Anna Maria Mitterhuber, die es sich in den Kopf gesetzt hat, Ärztin zu werden und zu promovieren, mit dem geforderten Trotz („Mein Unterbewusstsein ist zu stark“) – dass Krenek sich über dieses Frauenlos lustig machte, ist kein Ruhmesblatt für ihn. Michael McCown nimmt dem Boxer ein blödsinniges Interview ab, Ludwig Mittelhammer gibt Vater Himmelhuber – und als seien fünf Darsteller nicht genug, lässt Regisseur David Hermann auch noch den Diktator mit seiner Frau im Publikum Platz nehmen und statt dem Boxer in die neue Trainingsmaschine spannen. Dort trifft ihn am Ende des Boxers Bombe.
Zwischen den beiden Szenen des „Diktators“ hatte ein schönes, nachdenkliches Intermezzo aufhorchen lassen: Lothar Zagrosek entlockt Kreneks Partituren mit dem Museums- und Opernhausorchester wundersame Blüten. In den ersten beiden Einaktern dominieren sonst Jazzanklänge, Filmmusik, Klassikzitate – alles wild gemixt und durch den Kakao gezogen. Zagrosek hatte schon 1992 in Leipzig Kreneks Jazzoper von 1927 „Jonny spielt auf“ wiederaufgeführt und auch dessen Sinfonien eingespielt, sowie „Symeon der Stylit“ in Salzburg und „Orpheus und Eurydike“ bei den Berliner Festwochen dirigiert. Nach der Pause legt er bei dem Einstünder „Das geheime Königreich“ noch eins drauf. Aller Quatsch ist vergessen und es entrollt sich ein Märchen, dessen musikalische und szenische Erzählung den Zuschauer keinen Augenblick aus seinem Bann entlässt.
Hier hat Jo Schramm einen geborstenen Betonbunker gebaut, in dem sich der verzagte König versteckt hält (Davide Damiani gibt ihm nun verzweifeltere, anrührendere Töne). Als seine machtgeile Frau funkelt die Amerikanerin Ambur Braid, giftgrün aufgebretzelt (Kostüme: Katharina Tasch), mit ihren Koloraturen (sie singt in Frankfurt sonst die Königin der Nacht). Beide werden verfolgt von Peter Marsh als dem Rebellen, der angeblich das Volk an die Macht bringen will, aber nur selbst nach Blut und Macht giert. Gelassen ist der Narr; bei ihm ist der Kronreif sicher, bis er ihn beim Kartenspiel verliert (er ist halt doch nur ein Narr). Sebastian Geyer verkörpert diese zentrale Rolle mit hinreißender Lässigkeit und edlem Legatogesang – sein Bariton bietet das größte Sängerglück des Abends. Nach wiederum einem wunderschönen Intermezzo zeigt Bühnenbildner Jo Schramm uns einen grünen Wald, in dem das Machtspiel sein Ende findet. Die Königin verwandelt sich auf der Flucht vor dem Rebellen in einen Baum, und der Narr löst dem König das Rätsel: Nicht sein Kronreif, sondern das Auge des Tieres ist das runde Wunderding, in dem sich das Wesen dieser Welt offenbart.
Als Paul Bekker diese drei Einakter 1928 bei den Wiesbadener Maifestspielen uraufführen ließ, sorgte er für die entsprechende Aufregung. In Frankfurt schien es, als hätte nur der letzte der drei seine Energie bewahrt und alle beteiligten Kräfte zu voller Entfaltung gebracht. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, nur „Das geheime Königreich“ zu wählen und mit Hindemiths Einakter „Das Nusch-Nuschi“ zu kombinieren, dann hätte man einen Opernabend gehabt, in dem Fragen der Macht und der Liebe märchenhaft und ironisch verhandelt werden. Erstaunlich, dass es die Klangwelt von Mahlers Achter wäre, die diese Kombination auch musikalisch beglaubigt.
Beim herzlichen Schlussapplaus wurden die zahlreichen Beteiligten begeistert gefeiert – mit dieser Besetzung hätte man auch leicht die „Zauberflöte“ aufführen können. Lothar Zagrosek wärmte beim „Geheimen Königreich“ das Herz: Krenek pendelte in Wien noch zwischen Sozialdemokratie und Lebensreform unentschlossen hin- und her. David Hermann hatte einen roten Faden erfunden, der die drei Stücke verband und sorgte im „Geheimen Königreich“ auch szenisch zu einer sicheren Ankunft – dieses Stück ist sicherlich aktueller als der scheinbar so zeitgemäße „Diktator“.



Münchner Philharmoniker


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