Kosky inszeniert Händels Agrippina in München

Intrigieren bis der Arzt kommt

In jeder Hinsicht großartig mit exzellenten Sängern: Händels „Agrippina“ in der Regie von Barrie Kosky und unter der musikalischen Leitung von Ivor Bolton bei den Münchner Opernfestspielen

Von Klaus Kalchschmid

(München, 23. Juli 2019) 24 Jahre war Georg Friedrich Händel alt, als er aus Italien zurückgekehrte, voll der musikalischen Erfahrungen und der sinnlichen Sonne des Landes, und sein erstes in Dichte und musikalischer Differenzierungskunst auch später kaum übertroffenes Meisterwerk komponierte – auf ein brillantes Libretto, wie es ihm ebenfalls fortan kaum je wieder zur Verfügung stehen sollte.

Aus der Intrigantin Agrippina machte er eine durchaus tragische Figur: Dreieinhalb Stunden hatte die Gattin von Kaiser Claudio Ränke geschmiedet und alle gegen alle ausgespielt, da bröckelt plötzlich ihre Fassade und sie singt, im seidenen Schlafanzug am Boden liegend, von „Pensieri, voi mi tormentate“, von den Gedanken, die sie quälen. Da wird deutlich, wie mühsam und verdammt anstrengend es war, pausenlos intrigieren zu müssen, um den Sohn aus erster Ehe Nerone auf den Thron zu hieven. Und auch kurz vor Ende, bevor die von Agrippina geschürzten Knoten ausgerechnet durch sie gelöst werden, hält sie inne, ohne dass man wüsste, an wen sie sich mit diesen Worten wendet: „Wenn du Frieden willst, o geliebtes Antlitz, soll der böse Hass dich fliehen“.

Am Ende bekommt Ottone seine Poppea und Claudio verzichtet zugunsten von Nerone auf den Thron, aber alle wenden sich von Agrippina ab, die zu melancholischer Musik Händels aus „Il Penseroso ed il Moderato“ allein zurückbleibt, während sich die schwarzen Jalousien des die leere Bühne bestimmenden, dreiteiligen kalten Metall-Kubus mit integrierter Treppe (Bühne: Rebecca Ringst) wie eine Gruft um sie schließen.

Alice Coote ist die ideale Verkörperung dieser machthungrigen Frau, die schon gleich zu Beginn, wenn sie verschiedene Möglichkeiten von Trauer und Gram über den vermeintlich im Meer ertrunkenen Gatten ausprobiert, ihre abgründige Lust an Verstellung und Lüge offenbart. Jeder Ton dieser Frau kann Gift spritzen oder verführen, aber auch bis ins Mark erschüttern beim Abrutschen in die dunkle, laute Bruststimme. Wenn Agrippina, geradezu besoffen vom eigenen, vermeintlich erfolgreichen Ränkeschmieden zum Mikro greift und, das Publikum im Prinzregententheater immer fest im Blick, über die Bühne tanzt, wird deutlich, wie sehr diese Frau dem Wahnsinn nahe ist.

Regisseur Barrie Kosky zeigt die Risse in der Fassade der Machtgier und wollte aus Agrippina keine „Denver-Clan“-Joan-Collins machen. Doch gleichzeitig herrscht um diese so vehement ihre Ziele verfolgende Frau das pure Chaos aus mehr oder minder schwachen Männern, die sie zu benutzen weiß: So die Höflinge Pallante (der profunde Bass-Buffo Andrea Mastroni) oder Narciso (der prägnante Charakter-Counter Eric Jurenas), die ihr blind ergeben sind. Gleich zu Beginn macht sie diese in einer herrlichen Slapstick-Szene hündisch gefügig, auf dass die Männer ihr buchstäblich zu Füßen liegen und die Stiefel lecken. Auch ihr Sohn Nerone ist ein blasses Jüngelchen ohne Rückgrat, das permanent den Kopf einzieht und keinen Schritt aufrecht gehen kann, sich abschirmend von der bösen Wirklichkeit durch einen schwarzen Kapuzenpulli und sich wappnend gegen alle Unbill mittels eines Tattoos auf dem blanken Schädel.

Countertenor Franco Fagioli spielt und singt das famos: immer ein bisschen weinerlich, aber auch im vollen Bewusstsein, mal mächtigster Mann des Imperiums zu werden, was eine seltsam naive Lust und Eitelkeit in ihm auslöst. Ganz anders sein Vater Claudio (mit Mut zur Komik: Gianluca Buratto), nicht nur dank der tiefen Stimmlage geerdet, sondern auch seiner Herrschaft und Macht bewusst. Doch wird er zur lächerlichen Figur, weil er wie so viele reiche und mächtige Männer glaubt, dass ihm daher auch die jungen Mädchen ergeben sind. So macht er sich mit Ottone und Nerone beim wunderbar à la Boulevardtheater inszenierten Dreier-Versteck-Spiel zwischen Tresen, Barhockern und Sofalandschaft in den weißen Gemächern Poppeas zum Deppen, immer wieder die Hose auf Halbmast wie auch Nerone.

Ottone, Feldherr Claudios, macht auch hier die beste Figur, ist er doch die einzige ehrliche Haut der Oper. Er braucht nicht im beständigen Beiseite-Singen den Abgrund seiner wahren Gefühle und Pläne zu offenbaren, weil er sich nicht verstellt. Dieser dritte – und beste – Counter im Bunde, Iestyn Davies, spielt und singt als Ottone seine Liebe zu Poppea anrührend und mit großer Wärme in der Stimme, so dass man echtes Mitleid empfindet mit diesem feinen, zarten Mann, dem alle dank der Intrige Agrippinas übel mitspielen, ja ihn unter Gelächter krankenhausreif schlagen. Blutüberströmt singt er unmittelbar vor der Pause eine der schönsten Arien der ganzen Oper, ein Lamento mit dramatischem Recitativo accompagnato.

An schönen Arien überreich ist „Agrippina“. Dieses Niveau wird Händel später – etwa mit „Giulio Cesare“, „Alcina“, „Ariodante“ oder „Orlando“ – noch oft erreichen, aber kaum übertreffen. Jede Figur bekommt ihre eigene Musik, etwa Poppea verführerisch gurrende, heiter flirrende Koloraturen, die Elsa Benoit mit umwerfend glitzernder Brillanz singen und dabei sehr feminin lockend spielen kann, Nerone eher bizarr gezackte Floskeln, während Claudio übertriebene und somit lächerliche Grandezza vor sich herträgt. Doch keinen der Charaktere verrät der Komponist, so sehr das auch musikdramaturgisch brillante Libretto von Vincenzo Grimani es manchmal nahelegt. Barrie Kosky aber gelingt die Quadratur des Kreises: Mit ausgefeilter, sehr musikalischer Personenregie formt er durchaus vielschichtige, manchmal pralle Charaktere, lässt dabei aber keine Volte in der Situationskomik aus. So hält er das Geschehen im Fluss und lässt keinen Moment Langeweile aufkommen.

Ihren nicht minder gewichtigen Teil leisten die Mitglieder des Staatsorchesters mit einem teils von Spezialisten gespielten Continuo aus Harfe, Theorbe, Cello und zwei Cembali unter der Leitung von Ivor Bolton. Er setzt wie üblich seine Musiker förmlich unter Strom, überspannt aber nie den Bogen in Tempo oder Expression, modelliert dafür jede Facette dieser reichen Partitur mit Verve und Lust am Effekt. Zu Recht Ovationen für alle!

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