Korngolds Tote Stadt an der Komischen Oper Berlin

Gefangen im Gestern

Mit Erich Wolfgang Korngolds Opern-Thriller „Die tote Stadt“ begeht Ainārs Rubiķis seinen Einstand als Generalmusikdirektor der Komischen Oper Berlin

Von Antje Rößler

(Berlin, den 1. Oktober 2018) Atmosphärisch dicht und spätromantisch opulent – Korngolds „Die tote Stadt“ ist das rechte Paukenschlag-Stück für einen Einstand. Als Vorlage diente Georges Rodenbachs symbolistischer, tiefenpsychologisch morbider Kultroman „Das tote Brügge“ von 1892. Das Libretto erarbeitete Korngold zusammen mit seinem Vater, einem Musikkritiker.
Vielschichtig leuchtet die Musik das Seelendrama um Paul aus, der zurückgezogen in seiner „Kirche des Gewesenen“ lebt, der verstorbenen Ehefrau Marie nachtrauernd. Als er sich in die Tänzerin Marietta verliebt, die Marie bis aufs Haar gleicht, gerät sein Innenleben aus den Fugen.
In der auf Traumdeutung und Psychoanalyse versessenen Zwischenkriegszeit traf Korngold einen Nerv. Seine schwelgerische, eklektische Klangwelt erfasst das Thema zugänglicher und weniger verstörend als Alban Berg, dessen Frauenfiguren, Marie im „Wozzeck“ und Lulu, durchaus Ähnlichkeiten mit Korngolds Marietta aufweisen.

Korngolds außerordentliche Begabung – er begann als gefeiertes Wunderkind – ist in jedem Takt der „Toten Stadt“ vernehmbar. Die Oper besticht durch raffinierte Instrumentation und einfallsreiche tonmalerische Effekte. So wird Maries goldglänzendes Haar durch flirrende Geigen und Harfen symbolisiert.
Korngold komponiert gleichsam einen Soundtrack. Es überrascht nicht, dass er seine von den Nationalsozialisten beendete Karriere in Hollywood als Filmkomponist fortsetzte.
„Die tote Stadt“ vereint verschiedenste Stile: Strauss und Puccini, Impressionismus und Operette. An der Komischen Oper passt die riesige Besetzung nicht mal in den Orchestergraben. Die Harfen stehen im Parkett neben den ersten Sitzreihen.

Als „Die tote Stadt“ 1920 uraufgeführt wurde, gelang dem 23-jährigen Erich Wolfgang Korngold ein sensationeller Erfolg, der bald die wichtigsten Opernbühnen der Welt eroberte. Nun brachte die Komische Oper Berlin das Werk, das nach Machtantritt der Nazis in Vergessenheit geriet, in einer Inszenierung des kanadischen Regisseurs Robert Carsen auf die Bühne.
Am Pult: der neue Generalmusikdirektor Ainārs Rubiķis. Für den 39-Jährigen Letten bildete 2010 der Sieg beim Bamberger Gustav-Mahler-Wettbewerb ein Karriere-Sprungbrett. Auf Rubiķis liegen große Hoffnungen, wurden doch an der Komischen Oper zuletzt unter Carl St. Clair und Henrik Nánási musikalisch eher kleine Brötchen gebacken.

Rubiķis, der neue Chefdirigent der Komischen Oper, wühlt sich souverän durch den klanglichen Vollrausch. Er bringt die monumental anbrandenden Orchesterwogen und Klangentladungen ebenso zur Geltung wie den Farbenrausch der Partitur. Behutsam leuchtet er die leiseren Passagen aus.
Das faszinierende Dirigat und das betörend spielende Orchester machen Hoffnung auf eine neue musikalische Glanzzeit am Hause. Es ist schon ein paar Jahre her, dass die Komische Dirigenten auf die Weltspitze vorbereitete: Kirill Petrenko, der bald zu den Berliner Philharmonikern kommt, und Vladimir Jurowski, der derzeit das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin leitet und demnächst die Bayerische Staatsoper übernimmt.
Rubiķis‘ Vertrag an der Komischen Oper läuft vorerst drei Jahre. Bereits vor seinem Start dirigierte er Schostakowitschs „Die Nase“, eine Koproduktion mit dem Royal Opera House London, die im Juni 2018 an der Komischen Oper Premiere hatte.

In „Die tote Stadt“ setzt Robert Carsen der opulenten Musik eine elegant-schlichte Szene entgegen. Er verlegt das Geschehen in die Entstehungszeit der Oper. Paul wohnt in einem gutbürgerlich eingerichteten Zimmer; mit Ehebett, Stehlampen und hölzerner Kommode. Eingerahmte Fotos und ordentlich aufgereihte Damenschuhe erinnern an die Verstorbene.
Carsens kunstvolle Lichtregie lässt die Grenze zwischen Traum und Realität verschwimmen. Vor allem der zweite Akt bleibt vieldeutig. Heimlich beobachtet Paul Marietta, die eine ausgelassene Party im Kreis ihrer Theaterfreunde und Liebhaber feiert. Im Einklang mit der hier sentimental geratenen Musik fährt der Regisseur viel Glitter und Flitter auf und taucht die Szene in rosa Licht.

Die Sänger werden von den Orchestermassen heftig bedrängt. Eine fabelhafte Leistung bot die Sopranistin Sara Jakubiak, die vor kurzem an der Deutschen Oper Berlin in der Titelpartie von Korngolds „Das Wunder der Heliane“ begeisterte. Auch diesmal bezaubert sie mit hellem, reinen Timbre und brillanter Höhe. Sie gibt die Tänzerin Marietta äußerst frivol, überdreht und kokett, singt aber zugleich lyrisch und liedhaft.
Schauspielerisch überzeugt auch der Tscheche Aleš Briscein, der als Paul zwischen Ekstase und Depression, erotischer Gier und Selbstekel schwankt. Sein leichter, metallisch gefärbter Tenor kann sich jedoch nicht immer gegen das Riesenorchester durchsetzen.

Im dritten Akt entwickelt sich das Stück zum Psychothriller: Paul erkennt, dass seine Gefühle für Marietta nur seine Frau zum Leben erwecken sollten. Als Marietta sich über Pauls ernsthafte Ergriffenheit lustig macht, erwürgt er sie.
In den Nebenrollen fallen Pauls Haushälterin (Maria Fiselier) und dessen Freund Frank (Günter Papendell) positiv auf. Der szenisch und musikalisch gelungene Abend erhält viel Applaus. Unangemessen sind die vereinzelten Buhrufe für die Regie.

Weitere Vorstellungen laufen am 6., 14., und 31. Oktober, am 18. und 28. November sowie 14. und 25. Dezember. Die Übertragung der Premiere ist sechs Monate lang auf www.OperaVision.eu abrufbar.
https://operavision.eu/en/library/performances/operas/die-tote-stadt

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