Kopatchinskaja in Köln

Miterleben der Musik

Patricia Kopatchinskaja und das Mahler Chamber Orchestra begeisterten in Köln unter Lorenzo Viotti mit Werken von Bartók und Dvorák

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 19. September 2017) Zu den besonders verdienstvollen Veranstaltungsreihen der Kölner Philharmonie gehört „Rising Stars“. Hier werden – unter Mitwirkung anderer großer Konzerthäuser – junge Künstler vorgestellt, bei denen eine bedeutsame Karriere zu erwarten steht. In der Saison 2002/3 gehörte Patricia Kopatchinskaja zu den Newcomern. Mittlerweile zählt sie zu den weltweit führenden Geigerinnen.

Dirigenten kommen bei „Rising Stars“ nicht vor, sonst wären in diesem Rahmen sicher frühe Auftritte von Lorenzo Viotti vorstellbar gewesen. Aber der jetzt 27jährige Sohn von Maestro Marcello Viotti demonstriert seine Qualitäten auf andere Weise, beispielsweise als Einspringer bei prominenten Klangkörpern wie dem Concertgebouw Orkest, den Wiener Symphonikern oder dem Verbier Festival Chamber Orchestra. Jetzt ersetzte er den Venezolaner Rafael Payare, welcher sich kurzfristig einer Augenoperation unterziehen musste. Gerne hätte man den von Lorin Maazel besonders geförderten, derzeitigen Chef des irischen Ulster-Orchestra erlebt, nicht zuletzt, weil er wie Gustavo Dudamel aus dem Musikprojekt “El Sistema“ hervorgegangen ist.

Durch seine Absage kam nun Lorenzo Viotti zu seinem ersten Kontakt mit dem Mahler Chamber Orchestra. Ein Unbekannter ist er für das Kölner Musikpublikum ansonsten schon längst nicht mehr. Wenn der Eindruck nicht trügt, war sein Debüt am Pult des MCO ein überaus harmonisches. So ließ das Orchester Viotti gleich zweimal den Beifall des Publikums alleine entgegen nehmen. Aber auch die Herzlichkeit von Patricia Kopatchinskaja trug dazu bei, dem Abend eine ausgesprochen freundschaftliche Atmosphäre zu geben. So bot sie ihre Zugaben nicht solo, sondern im Verein mit Orchestermusikern. Werke von Béla Bartók boten sich nach dessen zweitem Violinkonzert an. Mit dem Klarinettisten Vicente Alberola musizierte die Geigerin Folkloristisches, bei einem der Duos für zwei Violinen gesellte sich ihr der Konzertmeister Guillaume Chilemme zur Seite. Weitere Musiker kamen improvisierend hinzu. Zu guter Letzt begab sich Lorenzo Viotti, u.a. ausgebildeter Schlagzeuger, an die kleine Trommel und wirbelte das Finale auf.

Das Violinkonzert von Bartók galt lange als das einzige des Komponisten, bis das definitiv erste 1958 wieder aufgefunden wurde. Das nunmehr „zweite“ entstand am Ende der 1930er Jahre, also kurz von Bartóks Emigration in die USA. Auch wenn hier und da Abgründiges in der Musik auftaucht, wirkt das Werk harmonisch gebändigt, manchmal geradezu friedfertig. Bereits der Beginn mit den Repetitionsakkorden der Harfe schlägt einen romantisierenden Duktus an. Das wird freilich immer wieder kontrastiert von Momenten wilder Expressivität. Dem Finalsatz eignet hingegen ein regelrechter Tanzcharakter.

Patricia Kopatchinskaja, wie immer barfüßig auftretend, verbiss sich förmlich in ihren Solopart. Sie ist keine Geigerin von einlullender Sanftheit, auch wenn sie immer wieder mit schimmernden Klängen, nicht zuletzt im Diskantbereich, aufwartet. Aber manchen ihrer Töne eignet etwas Rabiates, gesteuert von ungeheurer Energie, welche sich auch in zuckenden Bewegungen und Körperkompressionen ausdrückt. Die häufige Hinwendung der Geigerin zu den Orchestermusikern zeigt ebenfalls: Patricia Kopatchinskaja geht es um alles, um das Letzte an adäquatem Ausdruck. Lorenzo Viotti und das Mahler Chamber Orchestra waren ihr wundervoll gleichgesinnte Partner.

Antonin Dvoráks siebente Sinfonie dirigierte Viotti auswendig. Er hat jede Note, jeden Einsatz der Instrumente im Kopf, was von der Hintergrundempore, wohin der Rezensent bewusst gewechselt war, besonders gut zu beobachten war. Man registrierte ein Miterleben der Musik durch den Dirigenten, welches sich in einer fast choreografisch zu nennenden Gestik manifestierte.

Mit ihrem Moll-Charakter schert Dvoráks „Siebte“ aus dem sonst so geschätzten folkloristisch getönten Stil der Schwesternwerke etwas aus. Aber schon bei der Londoner Uraufführung 1885 wurde das als besonderer Reiz empfunden. Lorenzo Viottis spontan wirkende, aber doch sehr bewusst kalkulierte Wiedergabe schöpfte den Radius der Musik voll aus. Als Zugabe wäre vielleicht etwas anderes als der sattsam bekannte fünfte Ungarische Tanz von Johannes Brahms zu wünschen gewesen. Aber das agogisch mit vielen überraschenden Details aufwartende Spiel des superben MCO begeisterte.

Werbung


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.