Koopman Bach h-moll-Messe

Bach im richtigen Maß

Der Dirigent Ton Koopman. Bild: © Koopmann

Im Herkulessaal der Münchner Residenz und im Prinzregentheater gab es festlichen Bach zur Weihnachtszeit: Ton Koopman führte mit Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks an drei Abenden die h-moll-Messe auf.
(München, 22. Dezember 2007). Unter Musikliebhabern in München heißt es immer noch unerschütterlich, die Alte Musik und ihre Aufführungspraxis habe in der Bayernmetropole nur wenig Unterstützung. Einige Konzerte in jüngerer Zeit jedoch waren von einer Qualität, die diese Ansicht erschüttern. Zudem darf man nicht vergessen, dass die Bayerische Staatsoper mit die erste in Deutschland war, die Barockmusik auch in stilgerechter Aufführung gegeben hat. Ist es doch gar nicht so schlecht bestellt um die Alte Musik in München?
Die Philharmoniker unter Hengelbrock jedenfalls zeigten im November, dass sie sehr wohl wissen, wie die „historisch informierte“ Aufführungspraxis funktioniert. Dann gab der amerikanische Bariton Joel Frederiksen mit seinem Ensemble für Alte Musik „Phoenix“ eines seiner Abonnementskonzerte als Weihnachtskonzert im Nationalmuseum, und dieser Tage, von Donnerstag bis Samstag, war das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – zusammen mit dem Chor des BR – an der Reihe, seine Kompetenz in dieser Sache unter Beweis zu stellen.  Dabei ließen sie sich von einem der Stars der Szene anleiten: dem musikalischen Multi-Talent Ton Koopman. Der Niederländer Koopman gehört zur „zweiten“ Generation der Alte-Musik-Experten und hat sich vom Cembalisten und Organisten hochgearbeitet zum Leiter seiner eigenen Ensembles und, seit geraumer Zeit, zum Dirigenten so angesehener Orchester wie des Concertgebouw Orkest Amsterdam, des Boston Symphony Orchestra und des Symphonieorchesters des BR.
In München dirigierte er an diesem Wochenende eines seiner Herzensstücke, Bachs h-Moll-Messe. Und dieser vor Temperament stets überschäumende Mann brachte es fertig, die ihm anvertraute Musikerschar voll mit seiner Begeisterung für Bach und die „historische“ Aufführungspraxis zu anzustecken. Koopman zeigte darüber hinaus, welche Vorzüge es hat, wenn ein „traditioneller“ Klangkörper in diesem historischen Stil musiziert: So reicht die Klangfülle mühelos für einen großen Saal wie den Herkulessaal und trotzdem entsteht das differenzierte, durchsichtige, feingestufte Klangbild, das in die Tiefen von Bachs faszinierender Satzkunst führt und das Hören zum Abenteuer macht.
Ganz an erster Stelle war das natürlich der ganz große Auftritt des Chores des Bayerischen Rundfunks, der mit 34 Sängerinnen und Sängern vertreten war. Auch hier diese überwältigende Kombination von müheloser Kraftentfaltung und größter Transparenz und Beweglichkeit. Auf diesen Chor darf und muss München stolz sein. Weit und lange muss fahren, um Vergleichbares hören zu dürfen.
Koopman ist über seiner Arbeit an Bach – er hat ja dessen gesamtes Kantatenwerk auf CD aufgenommen – gereift. Aus seinen vor allem flotten und schwungvollen Aufführungen mit Hang zu virtuosem Drive ist eine wohlüberlegte, genau auf Temporelationen achtende Haltung geworden. Für die motettischen Sätze wie das Credo, das Cruzifixus oder das Et Incarnatus gab er ein breites Tempo vor, um so den Kontrapunkt und die  dissonanten Reibungen erlebbar zu machen. Die festlichen Sätze wie das Gloria, das Cum Sancto Spirito oder das Et resurrexit kamen dagegen mit Koopmans bekanntem Schwung, der aber durch eine ausgearbeitete innere Substanz – Artikulation, Phrasierung – Halt und musikalische Begründung hatte.
Koopman machte seine Aufführung auch zu einem Fest für die Solisten des Orchesters. Das Geigensolo im Laudamus, die Flöte im Domine Deus, das Horn im Quoniam oder die Oboe im Qui sedes: Die Instrumentalisten wurden eingebunden wie eine weitere Gesangsstimme und ließen sich voll auf diese Rolle ein. Vor allem Flötist Henrik Wiese stimmte überschwänglichen Jubel an und gab so zu hören, dass das Blasinstrument nichts anderes ist als eine andere Art der menschlichen Stimme. Um die es in diesen Konzerten übrigens auch bestens bestellt war. Exzellent Sopranistin Carolyn Sampson, deren fester und zugleich geschmeidiger Stimme man in ihren Partien reiche Opernerfahrung anhörte. Mit schönem tenoralen Schmelz sang Charles Daniel, während der Bariton Klaus Mertens mit der speziellen Schlankheit des Originalklangs singt. Auch Altus Daniel Taylor zeigte sich als herausragender Vertreter seines Faches, aber im Agnus Dei wollte ihm in leisen Stellen immer wieder die Stimme wegbleiben.
Diese Aufführung der h-Moll-Messe war nicht nur für das Werk ein würdiger Auftritt. Sie war auch ein Schmückstück der Münchner Konzertsaison 2007/2008. Gab sie doch eindrucksvoll zu bewundern, welch kompetente und vielseitige Musiker in dieser Stadt leben und wie sie in der Lage sind, auch in Sachen der Alten Musik internationale Stars der Szene zu außergewöhnlichen Leistungen zu inspirieren.
Laszlo Molnar

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